Vorabdruck
(10.06.2004)
Radon als
Heilmittel
Indikationen und
wissenschaftliche Bewertung
P. Deetjen, Innsbruck
A. Falkenbach, Bad
Ischl
D. Harder, Göttingen
H. Jöckel, Bad
Kreuznach
A.
Kaul, Braunschweig
H. von Philipsborn,
Regensburg
Inhalt
Seite
Zusammenfassende wissenschaftliche
Aussagen
3 - 5
Einleitung
(H. Jöckel)
5 - 6
1. Indikationsformen
und kontrollierte Studien
(P.
Deetjen, A. Falkenbach)
6 - 13
2. Molekulare
und zelluläre Wirkungsmechanismen
(D. Harder) 14 - 30
3. Strahlenbedingtes
Risiko (A. Kaul) 31 - 41
4. Das
Risiko der medikamentösen Therapie
(H. Jöckel) 42 - 43
5. Kosten
der Behandlung unerwünschter Nebenwirkungen
der medikamentösen Therapie (H. Jöckel) 43
6.
Vergleichende Risikobewertung 44 – 45
(A. Kaul, H. Jöckel)
7. Anhänge
(H. von Philipsborn,
A. Kaul, D. Harder) 45 - 47
8. Literaturverzeichnis
48 - 52
Die klinische
Wirksamkeit der Radonbehandlung chronischer Entzündungen ist durch mehrere randomisierte
Doppelblindstudien erwiesen. Als molekularer und zellulärer Mechanismus des
nachhaltigen Therapieerfolges wird die Umstimmung der zellulären Immunantwort
durch geringe Alphateilchen-Dosen angesehen. Den unerwünschten Wirkungen durch
nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) bzw. den hohen Kosten (selektive
COX-2-Inhibitoren) der pharmakologischen Entzündungsbehandlung steht die aus
der Sicht des Strahlenschutzes nebenwirkungsfreie Radon-Anwendung mit
Strahlendosen unterhalb der mittleren jährlichen natürlichen Strahlenexposition
und innerhalb deren Variationsbreite gegenüber.
1.
Es liegen
Ergebnisse von 5 kontrollierten klinischen Studien zur Wirksamkeit der
Radon-Therapie bei der Behandlung von degenerativen Wirbelsäulenerkrankungen,
rheumatoider Arthritis bzw. ankylosierender Spondylitis vor. 3 Studien mit
Radon-Thermal-Wannenbädern wurden als prospektive, randomisierte, placebokontrollierte
Doppelblindstudien durchgeführt, bei den beiden Studien im Radon-Thermalstollen
war eine Placebo-Kontrolle naturgemäß nicht möglich. Zielparameter der Studien
waren Druckschmerzschwellen, Schmerzintensität, funktionelle Einschränkung und
Medikamentenverbrauch.
2.
Eine
Metaanlyse des Einflusses von Radon auf die Schmerzparameter bei den gepoolten
Daten von 378 Patienten ergab unmittelbar nach der Behandlungsphase keinen
signifikanten Unterschied zwischen Radon-Therapie- und Kontrollgruppen. In der
Folgezeit war jedoch nach 3 Monaten (p = 0,02) und 6 Monaten
(p = 0,002) das Schmerzausmaß bei den mit Radon behandelten Patienten
signifikant geringer.
3.
Nicht-radonbedingte
Gegenindikationen von Radon-Thermalkuren ergeben sich in erster Linie durch die
Wärmebehandlung bei Thermalbädern oder Thermalstollenbehandlung von Patienten
mit Herz-Kreislaufproblemen.
4.
Wegen
strahlenbedingter Reizwirkungen im zellulären und subzellulären Bereich sollten
bei Patienten mit akuten Entzündungen keine Radon-Anwendungen erfolgen. Obwohl
bei allen radon-balneotherapeutischen Kuren die Strahlenexposition deutlich
unter der mittleren jährlichen natürlichen Strahlendosis von 2,4 mSv liegt
(siehe Punkt 7), sollte die Radon-Therapie bei Kindern und Jugendlichen wegen
ihrer höheren Strahlenempfindlichkeit nur dann angewendet werden, wenn das mögliche
gesundheitliche Risiko einer medikamentösen Therapie größer ist als das
hypothetische strahlenbedingte Risiko.
5. Therapeutisch
wirksames Agens der Schmerzbehandlung chronischer Entzündungen mit Radon ist
die Alphastrahlung des Radons und seiner kurzlebigen Folgeprodukte. Bei
Badekuren mit radonhaltigem Thermalwasser – dem exemplarisch untersuchten
Beispiel für die insgesamt auch Thermalstollenbehandlungen und Radongasbäder
umfassende Radonbalneologie - findet eine Deposition von Radonfolgeprodukten auf
der Epidermis statt. Außerdem wird Radon durch Diffusion über die Haut in den
Blutkreislauf aufgenommen und nach vorübergehender Retention in den
durchbluteten Geweben über die Lunge ausgeschieden. Die Dosis in der Epidermis
bei beispielsweise 10 Bädern von je 20 Minuten Dauer und einer Radonkonzentration
von 1600 Bq/L im Thermalwasser wird auf ca. 2 mGy geschätzt. Die entsprechende
Anzahl der in die Epidermis eindringenden Alphateilchen beträgt etwa 80 pro
mm². An der Primärreaktion der Alphastrahlung mit dem Gewebe ist daher nur ein
sehr kleiner Bruchteil aller Zellen, diese allerdings aufgrund der hohen
linearen Energieübertragung der Alphateilchen mit starken zellulären
Reaktionen, beteiligt.
6. Die durch
Radonbehandlung erreichte Schmerzlinderung bei chronischen Entzündungen beruht
nach den bisher gewonnenen Erkenntnissen auf einer Umstimmung der zellulären
Immunantwort in den entzündeten Geweben. Experimentelle Ergebnisse und
physiologische Beobachtungen weisen auf einen molekularen und zellulären Reaktionsweg
hin, der bei der Apoptose, dem programmierten Zelltod einzelner Hautzellen oder
Blutzellen, beginnt und über Zytokinsignale, dendritische Zellen und
T-Helferzellen zu einer Reduktion der Makrophagen- und Neutrophilenaktivität
sowie der Leukozytenmigration führt. Dieses vor allem bei Ultraviolett-B-Strahlung
und bei der Röntgen-Entzündungstherapie erkannte Wirkungsprinzip wird auch bei
Alphastrahlung zunehmend durch direkte Beobachtung der Zytokinproduktion und
der Modulation der zellulären Immunantwort bestätigt. Die erhöhte biologische
Wirksamkeit von Alphastrahlung im Vergleich zu Röntgenstrahlung sowie die
Einbeziehung von Nachbarzellen durch den „Bystander-Effekt“ erklären das Zustandekommen
dieser Wirkungen auch bei sehr geringen Dosen der Alphastrahlung.
7.
Die
effektive Dosis des Patienten einer
radon-balneotherapeutischen Kur - Luftbäder und Radon-Thermaldunstbäder,
Wannenbäder, Inhalationstherapie im Stollen bzw. Thermalstollen - liegt mit
0,05 bis maximal 2 mSv deutlich unter dem Wert der mittleren jährlichen
natürlichen Strahlendosis von 2,4 mSv (Variationsbereich: 1 – 10 mSv).
8.
Das
hypothetische, d.h. konservativ rechnerisch abgeschätzte Lungenkrebsrisiko des
Patienten als Folge einer Kur durch Inhalation von 222Rn und
Zerfallsprodukten im Thermalstollen von Bad Gastein liegt mehr als 2 Größenordnungen
unter dem spontanen Lungenkrebsrisiko, und zwar bei 0,01% gegenüber im Mittel
4% in unserer Bevölkerung. Hierbei wurde unter dem Vorsorgeaspekt des Strahlenschutzes
angenommen, dass auch im Bereich der niedrigen Dosen und Dosisleistungen der
natürlichen Strahlenexposition eine lineare Beziehung ohne Schwellenwert
zwischen biologischem Effekt - Lungenkrebs - und Dosis gilt, d.h., dass
Anpassungsmechanismen auf zellulärer Ebene nicht berücksichtigt werden.
9.
Die
jährliche effektive Dosis des Personals
liegt abhängig von dem Therapieverfahren und der Aufenthaltsdauer - Badekur,
Inhalationskur - zwischen 0,5 und 15 mSv. Sie überschreitet daher im
ungünstigsten Fall die Obergrenze der Schwankungsbreite der natürlichen
Strahlenexposition von 1-10 mSv um etwa 50%. Die national durch die
Strahlenschutzverordnung und international durch die Empfehlungen der
International Commission on Radiological Protection ICRP und die Grundnormen
der Europäischen Union festgelegten Grenzwerte für beruflich Strahlenexponierte
von 20 mSv pro Jahr entsprechend 100 mSv in 5 Jahren werden zum Teil
deutlich unterschritten. Wegen der deutlichen Unterschreitung der Grenzwerte
für beruflich Strahlenexponierte wird das Personal bei Wannenbädern von der
nach Landesrecht zuständigen Behörde häufig aus der individuellen
Strahlenschutzüberwachung ausgenommen.
10. Der Gebrauch von nichtsteroidalen Antirheumatika
(NSAR) ist weit verbreitet. Für das Jahr 1998 ist in Deutschland von einer Abgabe
von über 800 Millionen Tagesdosen an NSAR durch den pharmazeutischen Groß- und
Einzelhandel (Apotheken) auszugehen. Im Durchschnitt wird bei etwa jedem
vierten Hausarztkontakt dem Patienten ein NSAR verordnet. Der erwünschten
schmerzstillenden und entzündungshemmenden Wirkung dieser Medikamente steht die
relativ große Gefahr von unerwünschten Arzneiwirkungen (UAW) gegenüber.
11. Ganz überwiegend spielen sich die unerwünschten
Wirkungen der NSAR an Magen und Darm ab. Sie reichen von oberflächlichen Schleimhautläsionen
über blutende Ulcera (Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwüre) bis hin zur
Perforation (Magendurchbruch). Gastroskopische Untersuchungen haben gezeigt,
dass über 70% der mit NSAR behandelten Patienten Magenschleimhautveränderungen
aufweisen. Studien haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass 10 – 20% der
schweren Komplikationen therapeutisch nicht zu beherrschen sind und tödlich
enden. Die Gefahr einer tödlichen Komplikation wächst mit zunehmendem Alter des
Patienten. Für Deutschland ist mit 1100 – 2200 solcher Fälle pro Jahr zu
rechnen.
12. Im Vergleich zu den beobachteten unerwünschten Wirkungen der NSAR handelt
es sich bei den strahlenbedingten Risiken des Radons nur um hypothetische, rechnerisch abgeschätzte unerwünschte
Wirkungen, die um mindestens 2 Größenordnungen unter den spontanen Risiken
liegen. Sie sind deshalb als vernachlässigbar anzusehen.
(H. Jöckel)
Nachdem
bereits seit 1904 und in den folgenden Jahrzehnten grundlegende physikalische
und medizinische Studien über die Therapie mit Radon in Bad Kreuznach gemacht
und veröffentlicht worden waren, hielt man 1957 mit dem Wiederaufleben der
Rheumakuren nach dem 2. Weltkrieg die Zeit für gekommen, in einer Runde von
Sachverständigen, vorwiegend Biophysikern, den damaligen Wissensstand über das
Radon zu diskutieren. Ergebnis dieser Beratung war das erste „Bad Kreuznacher
Protokoll“ über die balneotherapeutische Nutzung radioaktiver Isotope
(Rheuma-Heilbad AG Bad Kreuznach 1987). Die historischen Ereignisse brachten es
mit sich, dass nach und nach in den folgenden Jahrzehnten ein lebhafter
Erfahrungsaustausch mit den auf dem Gebiet der Radontherapie tätigen Forschern
der ehemaligen Sowjetunion und anderer sogenannter Ostblockstaaten möglich
wurde. Im Jahr 1992 fand dann, wiederum in Bad Kreuznach, ein Symposium von Wissenschaftlern
und Ärzten aus Russland, der damaligen Tschechoslowakei, Österreich und
Deutschland über den Stand der Radontherapie statt. Schwerpunkt der Beratungen
war die Nutzen-Risiko-Abwägung der Radonbalneologie. Das Ergebnis der Zusammenkunft
wurde als „Zweites Bad Kreuznacher Protokoll“ veröffentlicht (Dörtelmann 1992).
Danach konnte aufgrund aller verfügbaren, wissenschaftlich fundierten
Unterlagen der Einwand zurückgewiesen werden, „dass bei der Radontherapie für
den Patienten ein Risiko besteht, welches über das vermeintliche Risiko der
natürlichen Strahlenexposition hinausgeht“.
Nachdem
bei der 3. Biophysikalischen Arbeitstagung im Jahr 2001 im Radonbad Schlema
(RADIZ Schlema 2001) wesentliche neue Erkenntnisse über den möglichen
Wirkungsmechanismus des Radons vorgetragen worden waren und trotz erwiesener
medizinischer Erfolge der Radontherapie von einigen Kostenträgern der Krankenversicherung
dennoch Vorbehalte gegen diese Therapie geäußert werden, wurde von der
Mitgliederversammlung von RADIZ, dem Radon – Dokumentations- und Informationszentrum
Schlema e.V., eine Gruppe von Fachleuten beauftragt, die vorliegende Schrift zu
verfassen.
Vorangestellt wird der
Arbeit eine Zusammenfassung der wissenschaftlichen Aussagen, die es dem Leser erlauben
soll, sich in gedrängter Form über die Ergebnisse der ausführlichen Kapitel zu
informieren. Im ersten Kapitel folgt dann eine Darstellung der Indikationen für
eine Radontherapie sowie der vorliegenden kontrollierten Studien, der
Applikationsformen und der mit Radon behandelnden Heilbäder. Im nächsten
Kapitel werden grundlegende Aussagen über die molekularen und zellulären
Mechanismen gemacht, die für Entzündung und Schmerz verantwortlich sind und
einen möglichen Angriffspunkt der Radonwirkung bilden. Das folgende Kapitel beschäftigt
sich eingehend mit der immer wieder gestellten Frage nach dem Strahlenrisiko
für Patienten und Personal bei der Radontherapie. Die beiden nächsten Kapitel
befassen sich mit dem medikamentösen Risiko der Behandlung der Erkrankungen des
rheumatischen Formenkreises und mit den Kosten, die durch unerwünschte Arzneimittelwirkungen
der antirheumatischen Medikamente entstehen. Eine vergleichende Risikobewertung
beschließt die Darstellung des derzeitigen Standes der wissenschaftlichen
Beurteilung der Radontherapie. In einem Anhang werden radiologische Größen und
Einheiten sowie immunologische und strahlenbiologische Begriffe erläutert. Das
Literaturverzeichnis ist nach Kapiteln gegliedert.
1. Indikationsformen
und kontrollierte Studie
(P. Deetjen, A. Falkenbach, H. Jöckel)
1.1 .
Indikationen
222Rn
( im folgenden häufig vereinfachend Radon genannt) ist Inhaltsstoff verschiedener
Heilquellen, die seit altersher den Ruf besonderer Wirksamkeit, insbesondere
bei chronisch rheumatischen Erkrankungen, haben. So steht auch ganz oben in der
Indikationsliste der Morbus-Bechterew. Es folgen andere Wirbelsäulenerkrankungen
wie Spondylosen, Spondylarthorsen, Osteochondrosen, weiterhin degenerative oder
deformierende Erkrankungen von Gelenken und rheumatoide Prozesse an Muskeln,
Sehnen und Gelenken. Auch chronische neurologische Erkrankungen wie Neuralgien
oder chronische Neuritis ebenso wie chronische Erkrankungen der Haut wie
Sklerodermie, Psoriasis oder Ekzeme sprechen oft gut auf eine Radon-Therapie
an. Schließlich wird auch bei geriatrischen Syndromen einer Radonkur schon
immer ein gewisser Jungbrunneneffekt zugeschrieben. Diese Indikationen haben
sich im Laufe der Zeit aus der Erfahrungsmedizin entwickelt. In letzter Zeit
sind aber auch kontrollierte klinische Studien zur Radon-Therapie
veröffentlicht worden, mit denen nach objektiven Kriterien die Wirksamkeit
einer Radon-Therapie zu belegen ist.
1.2 .
Applikationen
222Rn
ist ein Edelgas, das durch 226Ra-Zerfall freigesetzt wird. Es tritt
mit Quellwasser zu Tage oder kommt als freies Gas aus dem Untergrund. Für die
therapeutische Anwendung wurde eine Mindestaktivität von 37 kBq/m³ für
Inhalationen und Luftbäder und von mindestens 666 Bq/L für Wasserbäder festgelegt
(Begriffsbestimmungen für Kurorte, 1991). Vereinzelt werden auch Trinkkuren
durchgeführt, doch ist infolge des begrenzten Trinkvolumens auch die
Radonaufnahme auf diesem Wege nur begrenzt möglich. Außerdem sind für
Trinkkuren derzeit noch keine belastbaren Daten hinsichtlich Biokinetik und
Wirkungsmechanismus der Radon-Zerfallsprodukte verfügbar, um gesicherte
Aussagen über den Wirkungsgrad dieser Therapieform machen zu können.
Bei Radon-Wasserbädern ist durch die Wassertemperatur (~ 37 °C)
die Hautdurchblutung angeregt und dadurch die Radonaufnahme über die Haut
stimuliert (Bad Gastein, Bad Hofgastein, Bad Steben, Bad Brambach, Sibyllenbad,
Kurbad Schlema, Jáchymov). Eine zusätzliche Steigerung ist über Rn-CO2-Thermalbäder
zu erreichen (Bad Brambach). Bei Luftbädern in Raumtemperatur (~ 24 °C) erfolgt
die Radonaufnahme über die Atmung (Bad Kreuznach). Bei Luftbädern in Quelldunst
(34 - 41 °C), wird Radon vorwiegend über die Haut aufgenommen (Bad Gastein);
der Inhalationspfad ist hierbei im allgemeinen von untergeordneter Bedeutung.
Der stärkste Radoneffekt wird im Radon-Thermalstollen (Bad Gastein) erreicht,
wo bei Temperaturen zwischen 37 und 42 °C und einer relativen Luftfeuchtigkeit
am Sättigungspunkt sowohl die Atmung als auch die Hautdurchblutung stark
stimuliert sind und Radon auf beiden Wegen besonders effektiv aufgenommen wird.
1.3 .
Klinische Studien
In Tab. 1.1 und 1.2 sind die kontrollierten klinischen Studien zur
Radon-Therapie zusammengestellt. Die 3 Studien mit Radon-Thermal-Wasserbädern
wurden als prospektive, randomisierte, placebokontrollierte Doppelblindstudien
durchgeführt und erfüllen damit den höchst möglichen Grad an wissenschaftlicher
Validität. Bei den beiden Studien in den Radon-Stollen war eine
Placebo-Kontrolle zwar nicht möglich, aber als randomisierte kontrollierte
klinische Studien sind auch sie von guter Verlässlichkeit. In allen Studien war
während und unmittelbar nach der Behandlungsphase kein deutlicher Unterschied
zwischen Radontherapiegruppe und Kontrollgruppe feststellbar. Ein solcher aber
war Monate nach der Therapie signifikant vorhanden und da, wo die
Beobachtungsdauer auf 9 oder sogar 12 Monate ausgedehnt wurde, immer noch
nachweisbar. So ergibt auch eine Metaanalyse (Falkenbach et al. 2004) zum
Einfluss von Radon auf die Schmerzparameter bei den gepoolten Daten von allen
378 Patienten unmittelbar nach der Behandlungsphase keinen signifikanten
Unterschied zwischen Radontherapie- und Kontrollgruppen (p = 0.13). In den Folgemonaten
war jedoch nach 3 Monaten (p = 0.02) und 6 Monaten (p = 0.002) das
Schmerzausmaß bei den mit Radon behandelten Patienten signifikant geringer.
1.4. Details aus den
klinischen Studien
1.4.1 Radonbäder zur
Behandlung von Patienten mit degenerativem HWS-Syndrom (Pratzel et al. 1993,
weitere Informationen in Pratzel et al. 1999).
Pratzel und Mitarbeiter fanden in einer randomisierten
kontrollierten Doppelblindstudie bei Patienten mit degenerativem HWS-Syndrom
(HWS = Halswirbelsäule) eine signifikant größere Schmerzlinderung einer therapeutischen
Immersion, wenn das Badewasser Radon enthielt. Die Studie wurde im Radonbad
Schlema durchgeführt. Die Patienten reisten eigens für die 4-wöchige Behandlung
an (wohnortferne Therapie). 46 Patienten mit nicht-entzündlichen
HWS-Beschwerden wurden innerhalb der 4 Wochen 9 mal für jeweils 20 Minuten im
Bad (150 Liter) behandelt. Die Wassertemperatur lag zwischen 36 °C und 37 °C,
die Radonaktivität bei 3 kBq/L. Die Kontrollgruppe badete bei gleicher
Temperatur und unter auch ansonsten gleichen Bedingungen in Leitungswasser
(doppelblindes Studiendesign, Blockrandomisierung). Zielparameter war die
Druckschmerzschwelle (gemessen mit Pressure Threshold Meter) der
paravertebralen Muskulatur. In beiden Gruppen zeigte sich am Ende der
Therapiephase ein Anstieg der Druckschmerzschwelle ohne signifikanten Unterschied
zwischen den Gruppen. 2 und 4 Monate nach der Therapiephase war der
schmerzlindernde Effekt der Behandlung in der Radongruppe signifikant besser
als in der Kontrollgruppe.
1.4.2 Radonbäder zur
Behandlung von Patienten mit degenerativen Wirbelsäulen- und Gelenkbeschwerden
(Pratzel et al. 1999)
Ähnliche Ergebnisse wie die vorgenannte erbrachte eine
Doppelblind-Studie mit 52 Patienten, die unter degenerativen Wirbelsäulen- oder
Gelenkbeschwerden litten. Die Studie wurde in Bad Steben durchgeführt. Teilnehmer
der Untersuchung waren Bewohner der näheren Umgebung, die vor und nach der
Badetherapie ihren gewohnten Tätigkeiten nachgingen. Die Verumgruppe badete 8
mal für 20 Minuten in Radonwasser mit einer Aktivität von 0,8 kBq/L (danach
30-minütige Nachruhe; Behandlung jeden zweiten Tag, am Wochenende jeden dritten
Tag). Auch hier erreichte der Unterschied zwischen der Radongruppe und der
Kontrollgruppe in den Zielparametern Druckschmerzschwelle (wie oben) bzw. Schmerzintensität
(Visuelle Analogskala mit den Extremen kein Schmerz - extrem starker Schmerz)
erst 2 bzw. 4 Monate nach der Therapiephase das Signifikanzniveau.
Längerdauernde Schmerzlinderung war nur in der Radongruppe zu verzeichnen.
1.4.3 Radonbäder bei
Rheumatoider Arthritis (Franke et al. 2000)
Ebenfalls erst in den Monaten nach der Behandlungsphase zeigten
sich signifikant bessere Ergebnisse der Bädertherapie mit Radon im Vergleich zu
einer ansonsten gleichen Behandlung ohne Radon bei Patienten mit rheumatoider
Arthritis. Die Radonbehandlung von 60 RA-Patienten erfolgte im Rahmen einer
drei- bis vierwöchigen stationären Rehabilitationsmaßnahme in Bad Brambach/Sachsen.
Verglichen wurden 15 kombinierte Radon-CO2-Bäder (Radon: 1,3 kBq/L;
CO2 : 1,6 g/L) mit alleinigen CO2 -Bädern (1,6 g/L). Am
Ende der Therapiephase waren die Zielparameter Schmerzintensität und
funktionelle Einschränkung in beiden Therapiegruppen gebessert. Erst 6 Monate
nach der Behandlungsphase zeigte sich ein signifikant besseres Ergebnis in der
Radon- CO2-Gruppe im Vergleich zu der allein in CO2
gebadeten Gruppe in beiden Zielparametern (Schmerzintensität, AIMS score).
1.4.4 Radonbäder bei
Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises (Grunewald 2000)
Bei 206 Patienten mit degenerativen Veränderungen der Wirbelsäule,
Arthrosen, chronischer Polyarthritis und anderen Erkrankungen des rheumatischen
Formenkreises wurden im Sibyllenbad 10 Radonbäder in Serie von 20 min Dauer bei
36 - 37 °C und einer Aktivitätskonzentration in der Wanne von ca. 2000 Bq/L
durchgeführt. Kontrolliert wurden bewegungsrelevante Parameter skaliert, sowie
Schmerzqualität und Schmerzintensität im McGill Test und einer
schmerzrelevanten Analogskala. Bei 70 - 80 % konnte subjektiv und objektiv eine
Besserung der Beweglichkeit festgestellt werden. Schmerzqualität und
Schmerzintensität waren nach den 10 Radonbädern wie auch 4 Wochen später hoch
signifikant geringer. Da es sich um eine Trendanalyse ohne Kontrolluntersuchungen
handelt, wurde sie für die Metaanalyse der Tab. 1 nicht berücksichtigt.
1.4.5
Speläotherapeutische Radonexposition bei ankylosierender Spondylitis
(Lind-Albrecht 1994, Lind-Albrecht 1999)
Patienten mit Morbus Bechterew wurden im Rahmen einer dreiwöchigen
stationären Rehabilitationsmaßnahme in einer randomisierten kontrollierten
Studie zusätzlich im Radonstollen von Bad Kreuznach bei Indifferenztemperatur
behandelt (Radonkonzentration zwischen 30 und 130 kBq/m³), während die
Kontrollgruppe Saunaanwendungen durchführte. In der Gesamtstudie wurden 262
Patienten untersucht, wovon 100 Patienten in die randomisierte Studie
aufgenommen wurden. Mehrere Parameter, darunter das Schmerzausmaß sowie der
Medikamentenverbrauch, zeigten in den Monaten nach der Behandlungsphase einen
günstigeren Effekt der zusätzlichen Radontherapie. Die positiven Zusatzeffekte
der Radontherapie waren auch 9 Monate nach der Entlassung aus der stationären
Rehabilitationsbehandlung und zum Teil sogar darüber hinaus signifikant größer
als in der Gruppe ohne Radonexposition.
1.4.6 Kombinierte
Radon-Hyperthermiebehandlung unter speläotherapeutischen Bedingungen bei
Ankylosierender Spondylitis (van Tubergen et al. 2000)
Eine randomisierte kontrollierte klinische Studie mit dreiarmigem
Design untersuchte den Nutzen einer speläotherapeutischen Radonexposition im
Gasteiner Heilstollen auf relevante outcome-Parameter des Morbus Bechterew. 120
niederländische Patienten mit gesicherter ankylosierender Spondylitis wurden
randomisiert drei Behandlungen zugeteilt. Während die Kontrollgruppe zu Hause
blieb und die wöchentliche Gruppengymnastik weiterführte, absolvierten die
beiden anderen Gruppen ein dreiwöchiges komplexes Rehabilitationsprogramm unter
Einfluss von Gruppengymnastik, Haltungskorrektur, Hydrotherapie und
Sporttherapie in Arcen/Niederlande bzw. in Bad Hofgastein/Österreich.
Zusätzlich wurde die Gruppe in Arcen 10 mal in der Sauna behandelt, die
österreichische Gruppe 10 mal im Gasteiner Heilstollen (Radonkonzentration im
Mittel 44 kBq/m³, Temperatur bis zu 41,5°C, relative Luftfeuchtigkeit bis annähernd
100%). Entsprechend dem Protokoll wurden der Bath Ankylosing Spondylitis
Functional Index (BASFI), das Gesamtwohlbefinden des Patienten, die
Schmerzintensität und die Dauer der Morgensteife zu einem Pooled Index of
Change (PIC) als primärem outcome-Parameter zusammengefasst. Nach der
Behandlungsphase fand sich in beiden Interventionsgruppen im Vergleich zu den
Ausgangswerten eine 20-30%ige Besserung der Zielparameter, während die zu Hause
gebliebene Kontrollgruppe keine Veränderungen aufwies. 6 bzw. 9 Monate nach
Studienbeginn war der Pooled Index of Change (primärer Zielparameter) nur noch
in der Gasteiner Gruppe (mit Radonthermaltherapie) signifikant besser als in
der Kontrollgruppe, während die zweite Interventionsgruppe (ohne Radontherapie)
keinen signifikanten Unterschied mehr zeigte.
1.5 Gegenindikationen
Radon mit seiner Alpha-Strahlung hat in dem für Therapiezwecke
genutzten Aktivitätsbereich und bei einer Therapiedauer von einigen Wochen nach
aller bisherigen Erfahrung keine unerwünschten Nebenwirkungen. Gegenindikationen
ergeben sich daher nicht vom Radon selbst oder auch seinen Folgeprodukten,
sondern in erster Linie durch die Wärmebelastung bei Thermalbädern oder bei der
Thermalstollenbehandlung. Patienten mit Herz-Kreislaufproblemen bedürfen daher
bei Radon-Thermalkuren besonderer ärztlicher Beratung und Überwachung
(Lind-Albrecht et al. 1996). Im Hinblick auf die starke Reizwirkung im
zellulären und subzellulären Bereich sollten bei allen Formen akuter
Entzündungen keine Radon-Anwendungen erfolgen. Ob Radon bei bestehender oder
gerade überstandener Krebserkrankung verordnet werden darf, ist umstritten. Bis
zum Vorliegen gesicherter Befunde ist Zurückhaltung angeraten. Ähnliches gilt
für Schwangere und Kinder, bei Patienten mit Schilddrüsenüberfunktion oder bei
akuten Psychosen. Hier muss jeweils im Einzelfall der Arzt den Nutzen gegen das
Risiko abwägen.
1.6 Zusammenfassung
Radonanwendungen, insbesondere Radonthermalkuren haben sich bei
nahezu allen Formen chronischer rheumatischer Erkrankungen als wirksam
erwiesen. Schmerzen werden nachhaltig gedämpft oder unterdrückt, so dass die
Einnahme antirheumatischer Pharmaka reduziert oder gar unterbrochen werden
kann. In den zugrundeliegenden kontrollierten klinischen Untersuchungen, die
teilweise als prospektiv randomisierte, placebokontrollierte Doppelblindstudien
durchgeführt wurden, blieb der Radoneffekt gegenüber den Kontrollen in einer
nach Therapieende über viele Monate anhaltenden Schmerzlinderung signifikant.
1.7 Applikationsformen
Radon kann auf drei
Wegen zu therapeutischem Zweck in den Organismus gebracht werden: über die
Haut, über die Lunge und über die Schleimhaut des Magen-Darmtrakts.
Bei den Wannenbädern
mit radonhaltigem Wasser gelangt das Edelgas über die Haut in den
Blutkreislauf. Der Weg über die Haut wird ebenfalls beim Radontrockengasbad und
beim Radondunstbad gewählt.
Bei der Behandlung im
Heilstollen wird das Radon über die Lunge dem Blut zugeführt. Sind die
Patienten dabei unbekleidet (Thermalstollen), wird Radon gleichzeitig auch über
die Haut aufgenommen.
Eine weitere Form der
Radonaufnahme über die Lunge besteht darin, das sich über einer radonhaltigen
Quelle ansammelnde Radon dem Patienten über eine Haube zur Inhalation
zuzuführen.
Bei Trinkkuren mit
radonhaltigem Wasser nimmt das Blut Radon über die Schleimhaut des
Magen-Darmtrakts auf.
1.8 Therapieorte
Radon wird weltweit
als Heilmittel eingesetzt. Neben Deutschland, Österreich und Tschechien wird
vor allem in Russland und Japan eine wissenschaftlich begleitete Radontherapie
durchgeführt. Die mitteleuropäischen Radonheilbäder haben sich zu einer
Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen, die dem Erfahrungsaustausch und der
Unterstützung wissenschaftlicher Forschung dient.
Dieser Arbeitgemeinschaft
gehören an in:
Deutschland Österreich
Tschechien
Bad Brambach Bad
Gastein Jáchymov (St.
Joachimsthal).
Bad Kreuznach Bad Hofgastein
Bad Münster am
Stein-Ebernburg
Bad Schmiedeberg
Bad Steben
Schlema
Sibyllenbad
St.
Blasien/Menzenschwand
|
Autor, Jahr |
Erkrankung |
Anzahl Patienten, Art der Therapie |
Zielparameter |
Befund |
|
Pratzel et al., 1993; 1999 |
degeneratives HWS-Syndrom |
46 Best'sche Wanne, 3 kBq l-1, bzw. Leitungswasser 9 x 20 min |
Druckschmerzschwelle
der paravertebralen Muskulatur |
2 - 4 Monate nach der Rn-Therapie signifikanter schmerzlindernder
Effekt |
|
Pratzel et al., 1999 |
degenerative Wirbelsäulen- oder Gelenkbeschwerden |
52 Best'sche Wanne, 0,8 kBq l-1, bzw. Leitungswasser 8 x 20 min |
Druckschmerzschwelle bzw. Schmerzintensität |
2 bzw.
4 Monate nach der Rn-Therapie signifikante, länger andauernde Schmerzlinderung |
Tab. 1.1 Ergebnisse
kontrollierter klinischer Studien zur Radontherapie rheumatologischer
Erkrankungen (1)
|
Franke et al., 2000 |
Rheumatoide Arthritis |
60 Best'sche Wanne, 1,3
kBq l-1 222Rn +
1,6 g l-1 CO2; alleinige CO2 - Bäder; 15 Bäder |
Schmerzintensität
und funktionelle Einschränkung |
6 Monate nach Rn-Therapie signifikant besseres Ergebnis |
|
Lind - Albrecht, 1994; 1999 |
Morbus Bechterew |
262 (100 in
random. Studie) Radonstollen, 30 -
130 kBq m-3 |
Schmerzausmass, Medikamenten-verbrauch |
Monate
(auch>9) günstigerer
(z.T. signifikant) Effekt. der
Rn-Therapie |
|
Tubergen et al., 2000 |
ankylosierende Spondylitis |
120 randomosiert drei Behandlungen zugeführt; Radon-Thermalstollen; ≤ 160 kBq m-3 |
Schmerzintensität und Dauer der Morgensteife |
6 - 9 Monate
nach Studienbeginn Zielparameter nur noch signifikant besser bei der Radongruppe |
Tab. 1.2 Ergebnisse
kontrollierter klinischer Studien zur Radontherapie rheumatologischer Erkrankungen
(2)
2. Molekulare und zelluläre Wirkungsmechanis-
men (D. Harder)
2.1 Einleitung
Chronische
Entzündungen wie die rheumatoide Arthritis sind
Auto-Immunkrankheiten. Die zelluläre Immunantwort hat sich gegen körpereigene
Gewebe gerichtet, und durch molekulare Produkte der Effektorzellen kommt es zu
chronischen Entzündungsschmerzen. Besonders in den 15 Jahren seit der
Entdeckung des Interleukin-10 hat man jedoch erkannt, dass molekulare und
zelluläre Mechanismen zum Herunterregeln der überschießenden zellulären
Immunantwort vorhanden sind und sich in den Dienst der Therapie stellen lassen.
In Ergänzung zu dem lange vorhandenen Erfahrungswissen um niedrig dosierte
ionisierende Strahlung als erfolgreiches und nebenwirkungsfreies Mittel zur
Schmerztherapie bei chronischen Entzündungen beginnt man nun den molekularen
und zellulären Mechanismus dieser therapeutischen Wirkung zu verstehen. Die
vorhandenen Erkenntnisse, auch wenn sie noch unvollständig sind, sollen hier
mit besonderem Blick auf die bei den Radonanwendungen wirksame Alphastrahlung umrissen
werden.
Der biophysikalische
Mechanismus der Aufnahme von Radon in den Körper bei balneologischen Radonapplikationen
ist seit langem aufgeklärt. Abschätzungen der durch Alphateilchen in der Haut
und in den übrigen Körperorganen erzeugten Dosis stehen am Anfang dieses
Kapitels. Angesichts der sehr niedrigen Dosiswerte - mehr als vier
Größenordnungen unterhalb des Dosisniveaus der onkologischen Strahlentherapie -
erhebt sich allerdings die Frage, wie es zu deren therapeutischer Wirksamkeit
kommen kann. Lassen sich zelluläre Strahlenwirkungen der Alphateilchen und
daran anschließende molekulare Signalwirkungen erkennen, die bei sehr niedrigen
Dosen einen Rückgang der chronischen Entzündungsschmerzen und einen Stillstand
der schon fortgeschrittenen Gewebedestruktion herbeiführen können?
Als Grundlage für
diese Untersuchung dient im Hauptteil dieses Kapitels eine kurze Beschreibung
der Entzündungsreaktionen auf molekularer und zellulärer Ebene sowie der
molekularen und zellulären Ansatzpunkte zu ihrer medikamentösen Behandlung.
Sodann wird am Beispiel der bereits eingehend erforschten immun-suppressiven
Wirkungen von Ultraviolett-B- und Röntgenstrahlung ein Abriß der heutigen
Kenntnisse über die Bildung anti-inflammatorischer Botenstoffe als Folge zellulärer
Strahlenwirkungen sowie der hierdurch erzielten Herunterregulierung der für
chronische Entzündungen typischen Prozesse der zellulären Immunantwort gegeben.
Forschungsergebnisse zur sogenannten Niedrig-Dosis-Hypersensitivität lassen die
Gründe für den bei Entzündungsbehandlungen mit Röntgenstrahlung günstigen
Dosisbereich erkennen. Hieran schließt sich der Entwurf einer Übertragung
dieser Erkenntnisse auf Alphateilchen an, unterstützt durch direkte
Beobachtungen biologischer Wirkungen bei sehr niedrigen Dosen und durch
Forschungsergebnisse zum sogenannten Bystander-Effekt. Den Abschluss bildet
eine Bilanz des bei allen betrachteten Strahlenarten erkennbaren Wirkungsprinzips:
der Bildung anti-inflammatorischer Botenstoffe aufgrund der strahleninduzierten
Zell-Apoptose.
Ausgangspunkt der
molekularen und zellulären Mechanismen der therapeutischen Wirkung von Radon-Behandlungen
ist wie bei allen biologischen Strahlenwirkungen die physikalische
Energiedeposition der Strahlung in den Körpergeweben, hier insbesondere der
Alphastrahlung des Radons und seiner Folgeprodukte.
Bei Radon-Badekuren -
als typischem Beispiel für die Gesamtheit der therapeutischen Radonanwendungen,
zu der als bewährte Behandlungsformen auch die Radon-Inhalationstherapie und
die Radon-Gasbäder gehören - fungiert die Haut als Eintrittspforte in den
Körper des Patienten. Das im Badewasser gelöste Edelgas Radon dringt durch
physikalische Diffusion in die Epidermis, das subbasale Hautgewebe und die
Blutkapillaren des Hautgewebes ein, wie schon Janitzky festgestellt hat (Krebs
1949). Durch den Blutkreislauf wird das Radon im gesamten Körper verteilt und
entsprechend seiner gewebespezifischen Löslichkeit zeitweise in die einzelnen
Gewebe aufgenommen. Die im Grenzfall des Diffusionsgleichgewichts maßgebenden
Verteilungskoeffizienten, z.B. 0.43 für Blut/Luft, 11.2 für Fettgewebe/Blut,
0.66 für Niere/Blut, 0.71 für Leber/Blut und 0.36 für Knochen/Blut (Nat. Acad.
Sci. 1999) dienen zur Kennzeichnung der unterschiedlichen Löslichkeiten. Die
Abfuhr des Radons aus dem Körper erfolgt größtenteils über die Ausatmungsluft,
aber auch durch Körperausscheidungen sowie durch Diffusion über die Haut nach
Abschluss der Badephase. Nur etwa 0.2 % des Radons zerfallen bei der Passage
durch den Körper.
Die durch
Kernumwandlung des Radons (222Rn, HWZ 3.82 Tage) entstehenden kurzlebigen
Folgeprodukte 218Po (HWZ 3.05 min), 214Pb (HWZ 26.8 min),
214Bi (HWZ 19.7 min) und 214Po (HWZ 164.3 ms) werden,
soweit sie im Badewasser entstanden sind, auf der Hautoberfläche abgeschieden.
Soweit sie aus dem bereits im Körper befindlichen Radon entstehen, verteilen
sie sich dort entsprechend ihrer Biokinetik. Neben dem Radon selbst, einem
Alphastrahler mit schwachem Gammaanteil, tragen sie durch Emission von
Alphateilchen, Betateilchen und Gammaquanten wesentlich zu den im Verlauf der
Badekur applizierten Organdosen bei. Den größten Dosisanteil erbringt die
Alphastrahlung, eine dichtionisierende, aus 4He-Atomkernen
bestehende Teilchenstrahlung mit einem linearen Energietransfer (LET) von
durchschnittlich 150 keV/mm,
der um fast drei Größenordnungen höher liegt als der für energiereiche
Elektronen (Betateilchen und Sekundärelektronen der Gammastrahlung) typische
Wert von 0.2 keV/mm.
Durch den Zerfall des 214Po, des letzten der kurzlebigen Folgeprodukte,
entsteht das langlebige 210Pb (HWZ 22.3 Jahre), ein Betastrahler,
der - im Vergleich zur immer vorhandenen Gammastrahlung des körpereigenen
40K - in einer biologisch unbedeutenden Menge im Körper verbleibt.
Für die
Kureinrichtungen in Schlema und Sibyllenbad, die hier der Kürze halber als
Beispiel dienen sollen, wird eine typische Radonkonzentration von 1600 Bq/L im
Badewasser sowie eine Dauer des Einzelbades von 20 min angenommen. Die folgenden
Dosisabschätzungen gelten für eine aus 10 Einzelbädern bestehende Kur. Die
mehrstellig angegebenen, nicht gerundeten Zahlen sind als typische Beispiele
aus einzelnen Untersuchungen, nicht als Mittelwerte aus großen Versuchsreihen
anzusehen. Bei der anschließenden allgemeinen Bewertung der Größenordnung
dieser Zahlenwerte werden dann Rundungen vorgenommen.
Die Aufnahme von Radon
über die Haut bei einer Radon-Badekur kann nach dem von Janitzky (Krebs 1949)
und Grunewald et al. (1995) angewendeten Prinzip durch Radonmessungen in der
Ausatmungsluft analysiert werden. Hofmann et al. (1999) fanden in der
Ausatmungsluft eines erwachsenen Probanden bei einem 20-minütigen Bad in Radon-Thermalwasser
mit einer Radonkonzentration von 415 Bq/L zwischen Minute 5 und Minute 8 einen
steilen Anstieg der Radonkonzentration und von Minute 8 bis Minute 20 eine
annähernd konstante Radonkonzentration von 2.5 Bq/L. Im nachfolgenden Zeitraum
bis etwa Minute 50 ging die Radonkonzentration in der Ausatmungsluft
entsprechend der Radonabgabe aus den Geweben, in denen sich in der Badephase
Radon gelöst hatte, allmählich wieder auf den Nullwert zurück. Bei einer
Atemrate von 5 L/min entspricht dies einer Exhalation von ca. 380 Bq Radon,
davon 250 Bq während der Badephase. Berücksichtigt man die Radonabfuhr über
Harn und Darminhalt, die Radonabgabe über die Haut nach Beendigung des Bades
und den radioaktiven Zerfall des Radons während der Körperpassage durch eine
Korrektion von schätzungsweise + 10%, so ergibt sich eine vom Körper aus dem
Badewasser aufgenommene Radonmenge von 418 Bq. Geht man von einer mittleren
Aufenthaltszeit des einzelnen Radonatoms im Blut von 5 min aus - nicht mit der
Dauer des Bades zu verwechseln -, so beträgt die mittlere Radonkonzentration im
Blut während der Badephase bei einer Blutmenge von 6 L etwa 17 Bq/L. Dieser
Schätzwert würde sich durch Mitberücksichtigung der an der zeitweisen
Speicherung des Radons beteiligten Gewebe noch merklich senken, wie ein Vergleich
mit dem unter ähnlichen Bedingungen erhaltenen Messwert von 4 Bq/L zeigt (von
Philipsborn et al. 2000).
Für die Badephase ist
infolge der Diffusion des Radons ein in der Haut bestehendes lineares
Konzentrationsgefälle zwischen der Radonkonzentration im Badewasser und der
Konzentration im Blut anzunehmen, was einer mittleren Radonkonzentration von
216 Bq/L in der Haut entspricht. Zusätzlich kann man annehmen, dass die in der
Haut entstehenden kurzlebigen Folgeprodukte dort verbleiben, so dass pro Radonzerfall
eine Alphateilchenenergie von insgesamt 19.2 MeV (die „potenzielle
Alpha-Energie“, siehe Anhang A) zur Dosis beiträgt. Da dieses Konzentrationsgefälle
20 min lang besteht, ergibt sich in der Haut im Mittel eine Energiedosis von
0.8 mGy.
Liegt im Blut während
der Badephase von 20 min eine Radonkonzentration von 17 Bq/l und in der Phase
nach dem Bad für 20 min eine durchschnittliche Radonkonzentration von 8 Bq/l
vor, so beträgt die den Blutzellen im Mittel zugeführte Energiedosis 0.1 mGy.
Die aus dem Badewasser
an der Außenfläche der Haut abgelagerten und dort verbleibenden
Zerfallsprodukte ergeben nach alpha-spektrometrischen Messungen von Hofmann et
al. [2] bei einer Radonkonzentration im Badewasser von 415 Bq/L eine mittlere
Energiedosis der Epidermis von 50 mGy.
Nach Umrechnung auf
eine Radonkonzentration im Badewasser von 1600 Bq/L und auf 10 aufeinanderfolgende
Bäder beträgt demnach die mittlere Energiedosis für die Epidermis ca. 2 mGy,
für die gesamte Haut ca. 30 mGy
und für die Blutzellen ca. 4 mGy.
In Anbetracht der im mikroskopischen Maßstab sehr inhomogenen Energie-deposition
der Alphateilchen - bei diesen niedrigen Dosen erfahren nur sehr wenige Zellen
den Durchgang eines Alphateilchens (siehe Abschnitt 2.2.4) - sind alle angegebenen
Dosiswerte als räumliche Mittelwerte in den angegebenen Geweben anzusehen.
2.2.3 Dosis in den übrigen Körpergeweben
Zur genäherten
Berechnung dieser Dosisanteile kann von einer Modellrechnung Gebrauch gemacht
werden, die unter Strahlenschutzgesichtspunkten für die Zufuhr von
radonhaltigem Trinkwasser durchgeführt wurde (Nat. Acad. Sc. 1999). Die bei
dieser Rechnung betrachtete Aufnahme des Radons in den Blutkreislauf durch Diffusion
über die Dünndarmwand und anschließenden Transport über Pfortader, Leber und
große Hohlvene kann dabei als zahlenmäßig äquivalent zu der bei Radonbädern
erfolgenden Diffusion des Radons über die Haut und die Aufnahme in den venösen
Zweig des Blutkreislaufs über das Kapillarsystem der Haut betrachtet werden,
denn von der ersten Herzpassage an entspricht das Modell exakt dem Transport
des Radons mit dem Blutkreislauf bei einem Radonbad. Diese Modellrechnung wird
daher hier nach Maßgabe der Menge des in den Blutkreislauf aufgenommenen Radons
auf den Fall der Radon-Badekur angewandt. Auch die Entstehung der Folgeprodukte
des Radons und ihre Verteilung entsprechend ihrer Biokinetik als Po-, Bi- und
Pb-Isotope wird in der Modellrechnung berücksichtigt. Hinsichtlich der Aufnahme
von Radon in den Blutkreislauf über Diffusion in die Magenwand wurden die
Rechnungen unter verschiedenen Annahmen durchgeführt; wir verwenden hier als
geeigneten Fall die Rechnung ohne diese Diffusion.
Die durch
Alphateilchen beigetragenen Werte der Energiedosis in den einzelnen Organen
sind in dieser Rechnung mit einem Qualitätsfaktor 20 gewichtet, die durch Betateilchen
und Gammastrahlung erzeugten Energiedosen dagegen mit einem Qualitätsfaktor 1.
Das Ergebnis wird daher wie im Kapitel 3 dieser Broschüre als Äquivalentdosis
in Sievert (siehe Anhang A) angegeben. Da der Energiedosisanteil der Betateilchen
und der Gammastrahlung im Mittel über alle Organe nur 1/7 desjenigen der
Alphastrahlung beträgt, macht man bei der Ermittlung der Energiedosen in Gy nur
einen unbedeutenden Fehler, wenn man die Zahlenwerte der in (Nat. Acad. Sci.
1999) angegebenen Äquivalentdosen in Sievert durch 20 dividiert. Für eine mit
dem Trinkwasser zugeführte und in den Blutkreislauf aufgenommene Radonaktivität
von 1000 Bq ergeben sich Organdosen in der Größenordnung 0.05 bis 0.4 mGy.
Die unterschiedlichen Dosiswerte sind durch Unterschiede in der
Radon-Löslichkeit, aber auch in der Masse dieser Körpergewebe bedingt. Bei
Hochrechnung auf eine Radonkonzentration im Badewasser von 1600 Bq/l sowie auf
10 aufeinanderfolgende Bäder erhält man in den Organen Energiedosen in der
Größenordnung 1 bis 6 mGy.
2.2.4
Schlußfolgerungen
Diese
Dosisabschätzungen für die Radonbadekuren in Schlema und Sibyllenbad ergeben
das Gesamtbild einer vorwiegend auf die Epidermis konzentrierten Energieabgabe
der Alphateilchen mit Dosen in der Größenordnung von 2 mGy, während die
mittlere Dosis im gesamten Hautgewebe ca. 30 mGy beträgt
und die Dosen im Blut und in den übrigen Körpergeweben in der Größenordnung
weniger mGy liegen. Zu den Dosen bei der meistens mit Photonenstrahlung
durchgeführten Strahlentherapie maligner Tumoren (Größenordnung 60 Gy) und
benigner Krankheiten (Größenordnung 5 Gy) besteht ein Abstand von mehreren
Zehnerpotenzen.
Zur
Veranschaulichung der niedrigen Dosiswerte bei der Behandlung chronischer
Entzündungen mit Radon kann man „mikrodosimetrisch“ die entsprechenden Zahlenwerte
der Teilchenzahl pro Flächeneinheit („Fluenz“) der Alphateilchen betrachten.
Für Alphateilchen einer Anfangsenergie von ca. 5 MeV hat die Fluenz bei einer
Dosis von 2 mGy den Wert 80 pro mm²; bei 30 mGy beträgt
sie 1.2 pro mm². Verglichen mit einem Zellquerschnitt der Größenordnung 100 mm² = 0.0001 mm² werden bei diesen niedrigen Dosen die weitaus
meisten Zellen von keinem Strahlungsteilchen getroffen. Andererseits bedeutet
der schon erwähnte hohe LET-Wert der Alphateilchen von 150 keV/mm, dass in einer von einem Alphateilchen durchlaufenen Zelle von 5
mm Dicke eine Energie von 750 keV deponiert wird, was auf atomarem
Niveau etwa 25 000 Ionisationsprozessen entspricht. Wegen dieser im mikroskopischen
Maßstab sehr hohen lokalen Energiedeposition ist daher bei den wenigen von der
Alphastrahlung getroffenen Zellen und - wie wir noch sehen werden - auch in
ihrer unmittelbaren Nachbarschaft mit starken biologischen Wirkungen zu
rechnen. Infolge seiner Reichweite von ca. 35 mm durchläuft
jedes Alphateilchen außerdem einige hintereinander liegende Zellschichten; es
bilden sich also kleine lokale Gruppen der auf die Alphateilchen reagierenden
Zellen .
2.3 Zellulärer und molekularer Wirkungsmechanismus
chronischer Entzündungen und Therapieansätze
Um die Erkenntnisse zum anti-inflammatorischen
Wirkungsmechanismus von niedrig dosierter ionisierender Strahlung und
insbesondere von Alphateilchen geringer Fluenz in dem erforderlichen Rahmen
darstellen zu können, wird im folgenden zunächst ein kurzer Abriss zellulärer
und molekularer Mechanismen des Entzündungsprozesses, der Pathophysiologie der
rheumatischen Arthritis und einiger Therapieansätze gegeben. Einschlägige
Lehrbücher und Begriffsdefinitonen (Paul 1993, Krück 1994, Siegenthaler 1994,
Greiling et al. 1995, Lodish et al. 1996, Janeway et al. 2001) und
allgemeinverständliche Darstellungen (Marrack et al. 2001, Steinmann 2001)
müssen hier als Grundlage vorausgesetzt werden. Im Anhang B sind einige hier
benutzte immunologische und strahlenbiologische Begriffe erläutert.
2.3.1 Molekulare und zelluläre Prozesse bei Entzündungen
Der Organismus verfügt neben der angeborenen Immunität,
welche die natürlichen Killerzellen, die neutrophilen Granulozyten und das
Monozyten-Makrophagen-System einschließlich epitheloider Zellen und
dendritischer Zellen umfaßt, über die Zellen der adaptiven Immunantwort,
bestehend aus den T-Helferzellen, den zytotoxischen T-Zellen und den
B-Lymphozyten.
Das
Th1/Th2-Verhältnis
In die
Thymusdrüse eingewanderte Stammzellen des Knochenmarkes reifen dort zu
T-Lymphozyten (T-Helferzellen, die neben dem T-Zell-Rezeptor den Corezeptor CD4
tragen, und zytotoxischen T-Zellen mit dem Corezeptor CD8) heran. Durch somatische
Rekombination der T-Zell-Rezeptor-Gene entstehen T-Lymphozyten mit unterschiedlicher
Spezifität. Autoreaktive Zellen werden durch programmierten Zelltod
(Apoptose) zerstört. Nach Einwanderung der T-Lymphozyten in regionale Lymphknoten
und in Anwesenheit antigen-präsentierender dendritischer Zellen, die aus anderen
Geweben, z.B. der Haut eingewandert sind, sowie von Botenstoffen verschiedener
Immunzellen entstehen Klone von Helferzellen vom Typ Th1 oder Th2, eventuell
auch Th3, so daß es zu einem bestimmten Typ der Immunantwort kommt (Mosmann et
al. 1989, Paul et al 1994, Rook et al. 1994, Begley et al. 1999, Jonuleit et
al. 2001, Kourilsky et al. 2001, Schulze-Koops et al. 2001). Th1-Zellen
unterstützen die zelluläre Immunantwort durch Aktivierung von Makrophagen und
zytotoxischen T-Zellen. Th2-Zellen fördern die humorale Immunantwort durch
Stimulierung der B-Zellen zur Verwandlung in Plasmazellen. Th3-Helferzellen
sind durch die Produktion von hohen Mengen des immunmodulierenden Zytokins TGF-b charakterisiert. Den Lymphknoten zugeführte Zytokine vom Typ
IL-12 begünstigen die Th1-Antwort und schwächen die Th2-Antwort, während
Zytokine vom TypIL-4 und Il-10 die Th2-Antwort begünstigen und die Th1-Antwort
schwächen (Begley et al. 1999, Kourilsky et al. 2001).
Das
Th1/Th2-Verhältnis wird, wenn es einmal eingestellt ist, durch rückgekoppelte
Zytokin-Signale stabilisiert. Änderungen der Proteinexpression bei den
dendritischen Zellen, zusätzliche Zytokinsignale und Mitsteuerung durch die T-
und B-Gedächtniszellen (Sprent 1994, Zinkernagel et al. 1996), können jedoch
eine Verschiebung des Th1/Th2-Verhältnisses bewirken. In der Folge kommt es zur
tiefgreifenden Änderung der Aktivitäten der Effektorzellen. Zum Beispiel tritt
bei Patientinnen mit rheumatoider Arthritis in der Schwangerschaft eine
Th2-bestimmte Immunantwort an die Stelle der typischen Th1-Immunantwort, so
dass eine Remission der chronischen Entzündung eintritt (Varner 1991, da Silva
et al. 1992, Lin et al. 1993, Krishnan et al. 1996, Schulze-Koops et al. 2001).
Die Dynamik solcher Umstimmungen ist auch Gegenstand mathematischer Modelle (Seymour
et al. 2001).
Makrophagen-Aktivitäten
Aus dem Blut in das anliegende Gewebe migrierte, aus dem
Knochenmark stammende Monozyten bilden im Gewebe Makrophagen, die je nach
Organ, z.B. in den Gelenken als Synovialzellen Typ A, im Knochen als
Osteoklasten, bezeichnet werden. Sie sind zur Phagozytose befähigt, bei der
Zellreste, Mikroorganismen oder Fremdmaterialien in das Zellinnere aufgenommen
und durch enzymatisch aus Sauerstoff gebildete Sauerstoffradikale sowie hydrolytische
Enzyme wie z.B. Elastase und Kollagenase getötet und verdaut werden (Aderem et
al. 1999). Erkennen bestimmte Makrophagen entzündliche Noxen bakterieller, chemischer
oder physikalischer Natur, so sezernieren sie eine Reihe von
entzündungsfördernden Zytokinen wie etwa das TNF-a,das IL-1b und das IL-12, welche die komplexe systemische Abwehrreaktion
auslösen. Durch den Abbau von Phospholipid-Membranen in aktivierten Makrophagen
entstehen Metabolite der Arachidonsäure wie Prostaglandine.
Durch die
Zytokinsignale der Makrophagen wird neben dem schon beschriebenen Einfluss auf
das Th1/Th2-Verhältnis die Expression von Oberflächenproteinen der
Endothelzellen der lokalen Blutgefäße so verändert, dass Leukozyten des
peripheren Blutes zum „Andocken“ und zur Migration in das anliegende Gewebe
veranlasst werden. Die von Zytokin-aktivierten Endothelzellen exprimierten
E-Selektine gehen dabei mit den konstitutiven L-Selektinen der Leukozyten eine
vorübergehende, zu einer Rollbewegung der Blutzellen an der Innenseite der Blutgefäße
führende Bindung ein. Eine weitere Gruppe exprimierter Adhäsionsmoleküle wie
ICAM-1 und VCAM-1 stellt mit konstitutiven Liganden der Leukozytenoberfläche,
den Integrinen, eine stabile Bindung her. Auch die anschließende Migration der
Leukozyten aus der Blutbahn durch den Bereich der „gap junctions“ zwischen den
Epithelzellen wird durch Oberflächenproteine bewirkt (Dustin et al. 1991,
Springer 1994, Ebnet et al. 1996). Die im anliegenden Gewebe akkumulierten
Monozyten differenzieren zu „inflammatorischen Makrophagen“, welche die lokale
Makrophagenaktivität, darunter die Phagozytose und die zytotoxische Aktivität,
verstärken.
TGF-b
Anti-inflammatorische Zytokine wie das u. a. von aktivierten
Endothelzellen sezernierte TGF-b und das von Lymphozyten und Monozyten produzierte IL-10 wirken
der verstärkten Ausschüttung von TNF-a und IL-1b entgegen und dienen so der Regulierung und Begrenzung der
Entzündungsreaktion. TGF-b ist auch ein für die Differenzierung dendritischer Zellen und
damit für das Th1/Th2-Verhältnis wichtiger Faktor (Tsunawaki et al.1988, Bogdan
et al. 1992, Letterio et al. 1998, Blobe et al. 2000). Bei Makrophagen ist TGF-b in vitro zur Herunterregelung der NO-Produktion (Oswald et al.
1992) sowie der TNF-a-Produktion (Bogdan et al. 1993) in der Lage. Es verhindert den
Abbau von Kollagen durch die von Makrophagen ausgeschiedenen Proteine (Letterio
et al. 1998). TGF-b ist auch ein potenter Inhibitor inflammatorischer
Neutrophilenaktivitäten. Von großer Bedeutung für das Verständnis der weiter unten
zu behandelnden immunmodulierenden Strahlenwirkungen ist die Feststellung, daß
die Bindung apoptotischer Zellen an Monozyten und Makrophagen unter Beteiligung
des Thrombospondin-Rezeptors CD36 zur Erhöhung der Expression von IL-10 und
Verminderung der Expression von TNF-a führt (Voll
et al. 1997), und daß bei Bindung apoptotischer an dendritische Zellen eine
vermehrte Freisetzung von TGF-b und verminderte Freisetzung von IL-12 stattfindet (Albert, 2004).
2.3.2 Zur Pathophysiologie der rheumatoiden Arthritis
Eine chronische Entzündung wie die rheumatoide Arthritis
oder die ankylosierende Spondylitis ist eine inflammatorische Reaktion von
langer Dauer und schwankender Intensität, hervorgerufen durch die Persistenz
des verursachenden Stimulus. Sie tritt als Folge einer akuten Entzündung oder
auch de novo auf, wenn das verursachende Agens nur eine milde Akutreaktion
hervorruft. Ätiologische Agenzien einer chronischen Entzündung umfassen resistente
oder (in schlecht durchbluteten Regionen) verborgene infektiöse Organismen,
unbelebte Fremdmaterialien, die nicht durch enzymatischen Abbau oder
Phagozytose beseitigt werden können, sowie eigene, in bekannter oder
unbekannter Weise veränderte Gewebskomponenten. Im letzteren Fall spricht man
von einer Auto-Immunkrankheit (Feldmann et al. 1996, Smith et al. 2002).
Die Ursachen
der Agression des körpereigenen Immunsystems gegen die Synovialgewebe sind noch
weitgehend Forschungsgegenstand. Eine Möglichkeit ist die genetisch bedingte
Suszeptibilität, für die nicht nur genetisch-statistische Befunde, z.B. die
hohe Konkordanz (30%) der rheumatoiden Arthritis bei eineiigen Zwillingen und
die hohe ethnische Korrelation sprechen. Bei für rheumatoide Arthritis
anfälligen Personen hat man eine Korrelation ihrer Krankheit mit bestimmten,
auf dem Chromosom 6 kodierten Oberflächenrezeptoren entdeckt, die zur Gruppe
der Gewebeverträglichkeitsantigene gehören, die bei der Aktivierung von
T-Zellen eine entscheidende Rolle spielen (Smith et al. 2002).
Kennzeichen
der aktiven Phasen der rheumatoiden Arthritis sind Gelenkschmerzen, Gelenksteifigkeit,
Schwellung, Rötung und Empfindlichkeit, Verdickung infolge der vermehrten Produktion
von Synovialflüssigkeit und Schwellung der Innenauskleidung der Gelenkkapsel,
der Synovialmembran. Die chronische Gelenkentzündung führt zur Schädigung der
Knorpelschichten, Sehnen und Muskeln des Gelenks und zum Verlust von Knochensubstanz.
Die Folge können Deformationen und Funktionsverlust der (oft paarig)
betroffenen Gelenke sein.
Die lokale
Reaktion des Immunsystems läuft auch im Synovium im Grundsatz nach dem schon
beschriebenen Muster ab; im Vergleich zu einer akuten Entzündung besteht
allerdings ein ungleich höherer Schweregrad infolge der Antigenpersistenz und
der begleitenden Gewebezerstörung. Die Gelenkkapsel ist ein gut vaskularisiertes
Gewebe, das außen aus einer dichten Ansammlung kollagener Fasern besteht. Die
Synoviozyten, aus denen die innen liegende Synovialmembran aufgebaut ist, haben
zum Teil phagozytische Funktionen und können „antigenpräsentierend“ mit
T-Zellen interagieren. Auch das synoviale Endothel kann Adhäsionsmoleküle
bilden, so dass die Migration von Immunzellen erleichtert wird. Das von den
Makrophagen verstärkt exprimierte Zytokin TNF-a bewirkt eine
erhöhte Expression der endothelialen Adhäsionsmoleküle E-Selektin, ICAM-1 und
VCAM-1 (Baldwin 1996, Ghosh et al. 1998, May et al. 1998, Janeway et al. 1999).
Zusätzlich werden aus dem Blut neutrophile Granulozyten rekrutiert. Ihre Enzyme
erlauben durch Addition eines Elektrons zum Sauerstoffmolekül die Bildung von
Superoxid-Radikalen, während die Entfernung eines Elektrons durch die
Superoxid-Dismutase zur Bildung des Hydroxyl-Radials OH und von Wasserperoxid
führt. Diese oxydierenden Verbindungen wirken zytotoxisch. Das
Th1/Th2-Verhältnis ist bei rheumatoider Arthritis zugunsten der Th1-Antwort verschoben
(Kumar et al. 1989, Romagnani 1994, Gerli et al. 2001, Schulze-Koops et al.
2001). In der Synovialflüssigkeit kommt es zur klonalen Vermehrung von
T-Lymphozyten sowie zu einer Ansammlung von Makrophagen, neutrophilen Granulozyten
und Zytokinen wie TNF-a und IL-1b.
Zu der Gewebeschädigung im Synovialbereich tragen weitere
Effektorfunktionen der aktivierten Makrophagen bei. In ihnen wird die
induzierte Stickoxyd-Synthase iNOS exprimiert, und das sezernierte Stickoxid NO
ist als Effektormolekül für zytotoxische Wirkungen, für die Ödembildung im
Synovialgewebe und über Reaktionen mit den Nozizeptoren für die Schmerzempfindung
mitverantwortlich (Micking et al. 1997). Das NO hat jedoch auch andere
regulatorische und sogar anti-inflammatorische Wirkungen. Bei Synthese durch
NOX (non-phagocytic oxidase) und langanhaltender, geringer Konzentration wirkt
es auf die Expression des TNF-a und des IL-1b inhibierend. Ferner entsteht aus der von Phospholipidmembranen
rekrutierten essentiellen Fettsäure Arachidonsäure durch das in den Makrophagen
exprimierte Enzym Cyclooxygenase (COX) - sowohl durch dessen gewebsständige
Form COX 1 als auch durch die von Zytokinen aktivierte Isoform COX 2 – der
Botenstoff Prostaglandin, welcher der wichtigste Auslöser der Schmerzreaktionen
ist und das Kollagengerüst des Gelenkknorpels angreift (Davies et al. 1984). In
die Zerstörung des Knorpelgewebes sind Metalloproteinasen involviert, und in
der Synovialflüssigkeit findet man Proteoglykane als Zeichen der lokalen
Zerstörung der Kollagen-Matrix (Campbell et al. 1986, Gilbert et al. 2003). Das
durch die Makrophagen exprimierte Zytokin TNF-a bewirkt
einen Knochenabbau durch Osteoklasten (Kagan et al. 1992, Miossec 2004,
O’Gradeigh et al. 2004). Da die Gewebsschädigung ihrerseits zu vermehrter Antigenpräsentation
führt, wird ein „circulus vitiosus“ entzündungs-aktivierender Prozesse
ausgelöst.
2.3.3 Zur Therapie chronisch-entzündlicher Erkrankungen
Die Wirkung der seit 30 Jahren zur Therapie der rheumatoiden
Arthritis eingesetzten und durch antiinflammatorische und analgetische Wirkung
ausgezeichneten nicht-steroidalen Antiphlogistika (NSAID) beruht neben einer Inhibitionswirkung
auf die Zelladhäsion an den Gefäßwänden in erster Linie auf der Blockade der
Cyclooxygenase-Aktivität. Es können jedoch schwere gastrointestinale
Nebenwirkungen wie Magenblutungen entstehen, da die konstitutive Isoform COX 1
für die Stabilität der Magenwand essentiell ist (Fries 1996, Singh, 1998),
siehe auch Kapitel 4. Aber auch über Leberschäden und Verlust von Mitochondrienfunktionen
ist berichtet worden (O’Connor et al. 2003). Es sind daher neue, gut wirksame,
aber sehr teure Pharmaka entwickelt worden, die selektiv nur das induzierbare
Enzym COX 2 blockieren (Seibert 1994, Feldman et al. 2000). Ein anderer Weg ist
der Einsatz von allgemein wirkenden Immunsuppressiva (Fenton et al. 2004) sowie
von DNA-Synthese-Inhibitoren (Chan et al. 2002), der jedoch wegen der Toxizität
dieser Stoffe einen hohen medizinischen Überwachungsaufwand erfordert.
Im Rahmen
neuer pharmakologischer Konzepte zur Behandlung der rheumatischen Arthritis
versucht man, die Wirkungen des durch die Makrophagen exprimierten Zytokins
TNF-a (Jones 1989, Beutler 1999, Dayer 2004) zu inhibieren. Hierzu
werden mehrere Wege wie z.B. die Inaktivierung durch monoklonale Antikörper
beschritten (Aeberli et al. 2002, Feldmann 2004, Miossec 2004, Nanda et al.
2004, Olsen 2004, Vilcek et al. 2004). Eine andere Möglichkeit ist die
Blockierung des durch den zytoplasmatischen Transkriptionsfaktor NFkB vermittelten Signalweges, über den TNF-a die genetische Expression der endothelialen Adhäsionsmoleküle bewirkt
(Baldwin 1996, Pierce et al. 1997, May et al. 1998, Yamamoto 2004). Bereits dem
Aspirin, das in der Selbstmedikation der rheumatoiden Arthritis eine Rolle
spielt, wird eine Inhibierung der genetischen Expression von Adhäsionsmolekülen
zugeschrieben.
Ferner wird im Hinblick auf die verminderte Anwesenheit von
IL-10 im Synovium der therapeutische Einsatz von IL-10 erprobt (Erwig et al.
1998, Huizininga et al. 2000, Asadullah et al. 2003). Ein fundamentaler Therapieansatz
ist der Versuch zur Wiederherstellung der Suppression der Autoimmunität mit
Hilfe inhibierender Rezeptoren (Long 1999, Tian et al. 1999, Smith 2002,
Goronzy et al. 2004).
2.4 Konzept des anti-inflammatorischen Wirkungsmechanismus
einer Alphateilchenexposition mit niedriger Dosis
Vor dem Hintergrund der beschriebenen molekularen und
zellulären Reaktionswege chronischer Entzündungen und der therapeutischen
Ansatzpunkte sollen nun Forschungsergebnisse betrachtet werden, die über den Mechanismus
der Immunmodulation durch niedrig dosierte Alphastrahlung Aufschluss geben
können. Zunächst wird an das in den letzten Jahren gewonnene Verständnis des
Zusammenhanges von Zellapoptose und Immunmodulation bei Ultraviolett-B-Strahlung
angeknüpft (Abschnitt 2.4.1). Eine weitere wichtige Möglichkeit, einen
Zusammenhang von Zellapoptose und Immunmodulation zu erkennen, bieten die im
Abschnitt 2.4.2 referierten klinischen Erfahrungen und experimentellen
Ergebnisse zur anti-inflammatorischen Wirkung von Röntgenstrahlung.
Direkte Beobachtungen einer Beeinflussung von Immunfunktionen durch Alphastrahlung
sind noch selten (Abschnitt 2.4.3). Aufgrund des neuesten Erkenntnisstandes
über die Zellapoptose und den Bystander-Effekt bei Alphastrahlung (Abschnitt
2.4.4) können die Erkenntnisse aus den Untersuchungen mit UV-B- und
Röntgenstrahlung aber im Grundsatz auf Alphateilchen übertragen werden (Abschnitt
2.4.5).
2.4.1 Ultraviolett-B-Strahlung als Modell für die Modulation
der lokalen und systemischen Immunantwort als Folge einer primären Strahlenwirkung
auf die DNA
Als Anhaltspunkt für den molekularen und zellulären
Wirkungsmechanismus, welcher der Umstimmung der chronisch-entzündlichen
Immunantwort durch niedrig dosierte Alphastrahlung zugrunde liegt, soll ein
biologisch verwandter Vorgang, die lokal und systemisch immunsuppressive
Wirkung des Ultraviolett-B bei Bestrahlung der Epidermis, herangezogen werden.
Als UV-B bezeichnet man Ultraviolettstrahlung im Wellenlängenbereich 290 bis
320 nm, in dem das Absorptionsmaximum der DNA und dementsprechend das Maximum
der Wirkung der UV-Strahlung auf die DNA liegt. Nach wiederholten Beobachtungen
einer lokalen und systemischen Immunsuppression durch UV-B im Tierversuch
(Fisher et al. 1977, Fisher et al. 1982, Rivas et al. 1992) und den ersten
Anzeichen eines komplexen, über die Langerhanszellen der Haut führenden
Reaktionsweges (Aberer et al. 1981) konnte in vivo experimentell nachgewiesen
werden, dass das primäre Ereignis des Reaktionsweges der Immunmodulation die
Bildung von Pyrimidindimeren und anderen DNA-Schäden in epidermalen Zellen ist
(Applegate et al. 1989, Kripke et al. 1992, Nishigori et al. 1996, Maeda et al.
2002). Die Immunsuppression durch UV-B-Strahlung wird hier beschrieben, weil
sie das bekannteste und am besten untersuchte Beispiel einer Immunmodulation
durch auf den Zellkern wirkende Strahlung darstellt. Beim Vergleich mit der
niedrig dosierten Alphastrahlung ist jedoch zu beachten, dass nur ein sehr
kleiner Teil aller Zellen von einem Alphateilchen getroffen wird, während es
sich bei den hier betrachteten UV-Dosen um eine relativ gleichmäßige Reaktion
aller Hautzellen handelt, bei der die Immunsuppression mutagene und karzinogene
Folgen haben kann (Wang et al. 2002, Ichihashi et al. 2003).
Das
Verständnis des komplexen Zusammenhanges von DNA-Schäden in der Haut mit der
Modulation von lokalen und sogar systemischen Immunfunktionen ist durch
Berücksichtigung der Tatsache möglich, dass die Zellen der Epidermis – mengenmäßig
im wesentlichen die Keratinozyten – zum Schutz gegen Strahlenwirkungen über
mehrere Abwehrbarrieren verfügen. Dies sind die DNA-Reparaturenzyme, ferner die
Regulierung des Zellzyklus zur Bereitstellung der benötigten Reparaturzeit
(Maeda 2002) sowie die Apoptose (griech. für „fallendes Laub“), der programmierte
zelleigene enzymatische Abbau zur Beseitigung alternder oder geschädigter
Zellen ohne mutagene Wirkung. Die entwicklungsbiologisch erhalten gebliebene
Fähigkeit zum „programmierten Zelltod“ tritt z.B. bei nicht erfolgreicher
DNA-Reparatur in Aktion. Die Produktion von Stickoxid und reaktiven
Sauerstoffverbindungen ist an der Apoptoseentstehung beteiligt (Kuchel et al.
2003). Die Strukturelemente des Zytoplasmas und des Zellkerns sowie die Enzyme
für die DNA-Reparatur werden hierbei unter Mitwirkung der zelleigenen
Mitochondrien durch Cytochrom-C-aktivierte Caspasen enzymatisch abgebaut, und
DNAsen zerlegen die DNA in Stücke von ca. 200 Basenpaaren Länge. Die Zellen
präsentieren das von der Innenseite der Zellmembran stammende Phosphatidylserin
als Trigger für die Phagozytose (Arends et al. 1991, Thornberry et al. 1998,
Rathmel et al. 1999, Porter 1999, Los et al. 2001, Fadok et al. 2001). Die bei
Überforderung der Reparaturenzyme durch UV-B-Dosen oberhalb einiger hundert J/m2
eintretende Apoptose der Keratinozyten ist vielfach untersucht worden (Okamoto
et al. 1999, Kulms t al. 2000, Lu et al. 2002, Denning et al. 2002 a,b,c,
Leverrier et al .2002, Guhl 2003). Bei Keratinozyten dauert der programmierte
Zellabbau ca. 2 bis 3 Tage; in dieser Zeit lassen sich die apoptotischen Zellen
als sogen. „sunburn cells“ noch gut sichtbar machen (Brash et al. 2001, Murphy
et al. 2001).
Der für die
Immunmodulation durch UV-B-Strahlung entscheidende Punkt ist, dass die
Zellapoptose in einem ursächlichen Zusammenhang mit der Freisetzung von Zytokinen
wie IL-4 und IL-10 steht (Schwarz et al. 1995, Beissert et al. 1999, Tomimori
et al. 2000, Petit-Frère et al. 2000, Bzowska et al. 2002): Das bei der
Apoptose an der Zelloberfläche erscheinende Phosphatidylserin sowie oxidierte
Phospholipide werden von Rezeptoren wie CD36 erkannt und lösen eine Kaskade von
molekularen Reaktionen aus (Voll et al. 1997, Fadok et al. 2001). Dieser Reaktionsmechanismus
beginnt bei Keratinozyten mit Prostaglandin E2 als
Membran-Abbauprodukt und setzt sich mit der Bildung von IL-4 und IL-10 unter
Mitwirkung von T-Zellen der hautnahen Blutgefäße fort (Sheedhar et al 1998,
Walterscheid et al. 2000, Ullrich 2002). Eine immunsuppressive Wirkung dieser
durch UV-B-Strahlung produzierten Zytokine wurde in zahlreichen Experimenten
mit murinen und humanen Zellen, unter Zuhilfenahme von Antikörpern und
genetisch veränderten Versuchstieren nachgewiesen (Rivas et al. 1992, Grewe et
al. 1995, Barr et al. 1999, Kurimoto et al. 2000, Nghiem et al. 2002, Nola et
al. 2003).
Für die
lokale Immunsuppresion gilt als Fortsetzung des Reaktionsweges das Auswandern
UV-geschädigter und durch IL-10 aktivierter Langerhanszellen aus der Epidermis
in die regionalen Lymphknoten (Kölgen 2002), wo es durch das Muster ihrer
Antigenpräsentation zur Ausprägung der für Immundefekte der Haut verantwortlichen
Anergie der T-Helferzellen kommt (Ullrich 2000). Als Fortsetzung des Reaktionsweges
für die systemische Immunsuppression gilt die durch IL-10
vermittelte Inhibierung der IL-12-Produktion durch dendritische Zellen der
Dermis, deren Antigenmuster, wie im Anhang B beschrieben, in den Lymphknoten
eine Umstimmung der T-Helferzellantwort zugunsten des Th2-Typs und damit eine
Inhibition der Effektorzellen der zellulären Immunantwort bewirkt (Schmitt et al.
2000 a,b, Ullrich 2000, Teunissen 2002, Laounini et al 2003).
Neben den
bisher genannten Untersuchungen, bei denen es ausschließlich um die durch UV-B
produzierten, zur Reduktion der zellulären Immunantwort führenden Zytokine
ging, seien auch die zahlreichen von UV-B unabhängigen Erkenntnisse zur
Wirkungsweise von IL-4 und IL-10 erwähnt. Neben der nur 15 Jahre
zurückliegenden Erstbeschreibung des Zytokins IL-10 (Fiorentino et al. 1989)
und der Zusammenfassung in Moore et al. (2001) sind hier viele Einzelarbeiten
bemerkenswert. Sie erbrachten den Nachweis, daß IL-4 und IL-10 zur Hemmung der
Makrophagenaktivität (Bogdan et al. 1991, Fiorentino et al. 1991, Gazzinelli et
al. 1991, Oswald et al. 1992, Hart et al. 1996, Erwig et al. 1998, O’Farrel et
al. 1998, Raychaudhuri et al. 2000, Huang et al. 2000, Avdiushko et al. 2001,
Lim et al. 2004) in der Lage sind. IL-4 und IL-10 inhibieren die Produktion
inflammatorischer Zytokine in antigenstimulierten Monozyten (Wang et al. 1995)
sowie die durch ionisierende Strahlung bei hoher Dosis (10 bis 40 Gy)
induzierte ICAM-1-Expression (Behrends et al. 1994, van der Meeren et al.
1999). Bedeutsam sind auch Berichte über die durch IL-10 bewirkte Inhibition
des inflammatorisch bedingten Knochenabbaus (Carmody et al. 2002) sowie diagnostische
Schlussfolgerungen, welche den Schweregrad der rheumathoiden Arthritis mit der
individuell variierenden IL-10-Produktion in Verbindung bringen (Huizinga et
al. 2000).
Im Hinblick auf den Modellcharakter der immunmodulierenden
Wirkung von UV-B-Expositionen der Haut für die Erklärung der
anti-inflammatorischen Wirkung von Alphastrahlung ist als Ergebnis dieses
Abschnitts festzuhalten, dass die durch DNA-Schäden induzierte Apoptose von
Hautzellen, vermittelt durch eine IL-10-gesteuerte Funktion der dendritischen
Zellen, eine bevorzugte Prägung von T-Helferzellklonen zugunsten des Th2-Typs
bewirkt. Dies hat eine Abschwächung der Th1-vermittelten zellulären
Immunantwort, insbesondere eine Verminderung der entzündlichen Funktionen der
Makrophagen, zur Folge (Voll et al. 1997, Albert 2004).
2.4.2 Wirkungsmechanismen der Entzündungstherapie mit
niedrig dosierter Röntgenstrahlung
Das klinische Motiv für die Erforschung der molekularen
Mechanismen der entzündungshemmenden Wirkung ionisierender Strahlungen
bei niedriger Dosis bildet die seit mehr als 100 Jahren noch heute in großer
Breite praktizierte Strahlentherapie mit niedrigen Dosen. Beispielsweise wird
bei entzündlich degenerativen Gelenkerkrankungen wie der Kniegelenk-Arthrose
durch 5- bis 6-malige Applikation einer Dosis von 0.5 bis 1.0 Gy eine
entzündungshemmende und schmerzlindernde Wirkung erzielt. Es kommt sowohl harte
Röntgenstrahlung entsprechender Therapiegeräte als auch energiereiche
Photonenstrahlung aus Linearbeschleunigern zum Einsatz. Eine Bestandsaufnahme
der Strahlentherapie gutartiger Erkrankungen ergab allein für Deutschland pro
Jahr ca. 20 000 Patienten (Seegenschmiedt et al. 1999) Die klinische Erfahrung
konnte durch Tierversuche mit Modellen akuter und chronischer Gelenkentzündungen
untermauert werden, die durch Bestrahlung mit geringen Dosen zum Rückgang
gebracht wurden (Trott 1994, Hildebrandt et al.2000, Schaue et al. 2002). Die
Erforschung der zellulären und molekularen Mechanismen der
anti-inflammatorischen Wirkung der Strahlentherapie mit geringen Dosen hat folgende
Erkenntnisse erbracht:
Kern et al
(1999, 2000, 2004) konnten zeigen, dass durch Apoptose von Lymphozyten
eine Freisetzung von L-Selektin eintritt, die adhäsionshemmend wirkt.
L-Selektin wird proteolytisch von der Oberfläche bestrahlter Lymphozyten
freigesetzt. Die Abspaltung erfolgt nur von Zellen, in denen Apoptose induziert
wurde, unabhängig davon, ob dies durch Röntgen- oder UV-Bestrahlung, durch
biologische Wirkstoffe oder spontan in Zellkultur geschieht. Die Blockade der
Apoptose durch einen Caspase-Inhibitor inhibiert auch die Abspaltung von
L-Selektin. Im Zellkulturüberstand ist das freigesetzte L-Selektin in löslicher
Form nachweisbar, und seine adhäsions- und migrationshemmende und damit anti-inflammatorische
Wirkung (Springer 1994) wurde in einem experimentellen
Lymphozyten-Endothelzellen-Modell demonstriert.
Werden Monozyten
des peripheren Blutes in Gegenwart apoptotischer Zellen aktiviert (Kern 2000
b), so reagieren sie mit einer Herunterregulierung pro-inflammatorischer
Zytokine und sezernieren stattdessen das anti-inflammatorisch wirkende IL-10.
Dies wird durch die Erkenntnis von Byrne et al. (2002) untermauert, daß Lipopolysacharid-aktivierte
Monozyten in Gegenwart apoptotischer Neutrophiler zur Produktion von IL-10
angeregt werden.
Bei Makrophagen
war bei Bestrahlung mit Dosen von 0.6 bis 1.25 Gy eine signifikant verminderte
NO-Produktion, bei Dosen oberhalb 5 Gy jedoch eine Steigerung der NO-Produktion
nachweisbar (Hildebrandt etal. 1998, 2004).
Von
stimulierten Endothelzellen wird nach Bestrahlung mit 0.5 Gy das Zytokin
TGF-b produziert (Rödel et al. 2000, Pajonk et al. 2001, Rödel 2002).
Es vermag die endotheliale Proliferation und Adhäsion von Lymphozyten und
polymorphkernigen mononukleären Blutzellen am Gefäßendothel zu inhibieren. Das
Adhäsionsminimum bei 0.5 Gy kann durch Blockierung von TGF-b wieder aufgehoben werden. Auf die Induktion des TGF-b durch ionisierende Strahlung richtet sich wegen seiner immunmodulierenden
Wirkung (s. Abschnitt 2.2.1) wachsendes Interesse (Barcellos-Hoff et al. 1996,
Iyer et al. 2000, Annes et al. 2003). Nach Fadok et al. (2000, 2001) besitzen
Makrophagen, Fibroblasten, Hepatozyten, Epithelzellen und Endothelzellen Rezeptoren
wie das CD36, welche die Bindung und Aufnahme apoptotischer Zellen vermitteln.
Nach der Ingestion der apoptotischen Zellen werden von diesen Zellen Zytokinsignale
ausgesandt. Apoptotische Zellen, die Phosphatidylserin präsentieren, sind
regelmäßig in der Lage, die Freisetzung von TGF-b und die
Herunterregulierung proinflammatorischer Zytokine zu induzieren.
Dass man im
Überblick über die experimentellen Ergebnisse mit Röntgenstrahlung eine
auffällige Korrelation zwischen einem relativen Maximum der Zellapoptose, der
Proteinexpression durch Lymphozyten, der IL-10-Expression durch Monozyten und
der TGF-b-Expression durch Endothelzellen im Dosisbereich um etwa 0,5 Gy bemerkt,
steht also im Einklang mit der allgemeinen Beobachtung apoptose-getriggerter
anti-inflammatorischer Zytokinsignale. Nach dem gegenwärtigen Stand der
Erkenntnis kann daher angenommen werden, dass das bei Röntgenstrahlung
auftretende relative Maximum der Zellapoptose bei etwa 0,5 Gy für die bei
dieser Dosis liegenden Maxima der Expression entzündungshemmend wirkender Proteine
und Zytokine ursächlich ist.
Es bleibt zu
klären, wodurch die Lage des relativen Maximums der Zellapoptose bei dem
speziellen Dosiswert von etwa 0,5 Gy bedingt ist. Die molekularen Vorgänge bei
der Zell-Apoptose durch Röntgenstrahlung sind z.B. bei Devitt et al. (1998), Porter (1999), Rathmell et al.
(1999), Lenardo et al. (1999) und Los et al. (2001)
beschrieben. Bei niedrigen Dosen ist die Apoptose der vorherrschende
Reaktionsweg der Zellinaktivierung (Macklis et al. 1973, Hendry 1995, Mothersill
et al. 1997, Schwartz et al. 1997, Cornelissen et al. 1998). Durch Untersuchung
des Zellüberlebens nach Röntgenbestrahlung hat man im Dosisbereich unterhalb
ca. 0,5 Gy bereits an über 40 Zell-Linien die „Low-Dose-Hypersensitivity“
beobachtet (Marples 2004). Darunter versteht man eine hohe zytotoxische Wirkung
pro Dosiseinheit, der erst bei Dosen oberhalb eines gewissen Schadensniveaus,
bei Röntgenstrahlen oberhalb von etwa 0,5 Gy, eine adaptive Zellantwort,
insbesondere eine Aktivierung des DNA-Reparatursystems, entgegenwirkt. Nach
Mothersill (1999) wird die bei kleinen Dosen auftretende Hypersensibilität
durch Apoptose vermittelt. Nach Marples (2004) gehört der vorwiegende Zelltod
durch Apoptose im Dosisbereich der Low-Dose-Hypersensitivity zumindest zu den
derzeit geprüften Vermutungen.
Im gleichen Sinne, wie weiter oben für UV-B-Strahlung
gezeigt, ist also auch bei Röntgenstrahlung erkennbar, dass die durch
DNA-Schäden induzierte Zellapoptose der initiale Schritt der
immun-modulierenden Strahlenwirkung ist (Voll et al. 1997, Albert 2004). Die
bei Röntgenstrahlung beobachtete enge Begrenzung des Dosisbereiches für die
Aktivierung anti-inflammatorischer Zytokine ist mit der Annahme einer
Verursachung durch strahleninduzierte Zellapoptose vereinbar, weil es sich um
den Dosisbereich unterhalb etwa 0.5 Gy handelt, in dem das zelluläre
DNA-Reparatursystem noch ineffektiv ist.
2.4.3 Untersuchungen zur Zytokinproduktion durch
Alphastrahlung niedriger Dosis
Es ist nun zu prüfen, ob sich das aus Untersuchungen zur
Immunmodulation durch UV-B- und Röntgenstrahlung hervorgehende relativ
einheitliche Muster eines auf Zellapoptose und Bildung anti-inflammatorischer
Zytokine beruhenden Mechanismus auch bei niedrig dosierter Alphastrahlung
feststellen lässt. Hierzu liegen bisher die folgenden experimentellen Befunde
und Ergebnisse physiologischer Untersuchungen an mit Radon behandelten
Patienten vor:
Bei der
in-vitro-Bestrahlung von MCF-7-Mammakarzinomzellen mit 222Rn-Alphateilchen
im Dosisbereich 0,1 bis 10 mGy wurden Veränderungen der Expression von Genen,
welche die Zellapoptose regeln, beobachtet (Soto, 1999). Dieses Ergebnis
beeindruckt durch die sehr kleinen Dosen, bei denen eine Wirksamkeit von
Alphateilchen festgestellt werden kann, und weist erneut auf die
strahleninduzierte Apoptose hin.
Alphateilchenbestrahlungen
von menschlichen Fibroblasten mit Dosen von 36 bis 190 mGy zeigten die Bildung
des Zytokins IL-8, das für Chemotaxis und Aktivierung von Neutrophilen bekannt
ist (Narayanan et al. 1999). Im Kulturmedium von Lungenfibroblasten fand sich
nach Bestrahlung mit Alphateilchen das Zytokin TGF-b in Mengen, die zur Induktion reaktiver Sauerstoffverbindungen in
unbestrahlten Zellen in der Lage waren (Iyer et al. 2000). Die
in-vitro-Bestrahlung von Lungenfibroblasten mit 222Rn-Alphateilchen
(4 bis 190 mGy) führt zu einer Erhöhung der TGF-b-Sekretion
(Hubmann 2004).
Bei Patienten
mit ankylosierender Spondylitis zeigte sich nach kombinierter Radon- und
Hyperthermiebehandlung im Gasteiner Heilstollen eine verminderte Sauerstoffradikal-Freisetzung
aus im peripheren Blut zirkulierenden Neutrophilen (Reinisch 1999). Dieses für
die Schonung der Synovialgewebe bei rheumatoider Arthritis wichtige Ergebnis
wurde vom Autor mit der nach Ganzkörper-UV-B-Bestrahlung zu beobachtenden
Neutrophilen-Dysfunktion verglichen.
An mehr als 80
Patienten mit ankylosierender Spondylitis zeigte sich nach Ende einer
Heilstollen-Kur in Bad Gastein in über 80% der Fälle ein signifikanter Anstieg
des Serumspiegels von TGF-b
(Hubmann 2004). TGF-b
wird u.a. aus Keratinozyten sezerniert Die Wirkungsweise dieses Zytokins hängt
von der Konzentration und der zellulären Umgebung ab. Die signifikante
Schmerzlinderung bei Spondylitis-Patienten ist mit einer Abnahme des TNF-a-Spiegels
korreliert. Die Zunahme von TGF-b wird aufgrund dieser
Ergebnisse als ein Heilungsfaktor der Radontherapie angesehen (Hubmann 2004).
Diese Ergebnisse zeigen, dass Alphateilchen im
Milligray-Dosisbereich in vitro und in vivo messbare Wirkungen auf Apoptose und
Komponenten des Immunsystems haben. Wenn auch die Zahl der experimentellen Untersuchungen
dieser Wirkungen bei Alphastrahlung noch gering ist, liegt in der bewiesenen
Wirksamkeit von Alphateilchendosen dieser Größenordnung eine entscheidende
Feststellung und eine Zielrichtung für die Planung weiterer Untersuchungen.
2.4.4 Apoptose und Bystander-Effekt: Bevorzugte
Reaktionswege der Alphastrahlung
Will man die beobachtete Wirksamkeit niedriger
Alphateilchendosen erklären, so ist zu bedenken, dass bei den wenigen von den
dicht ionisierenden Alphateilchen getroffenen Zellen die Energiedeposition pro
Zelle in der Größenordnung von 750 keV liegt, was ca. 25 000 Ionisationen
entspricht (siehe Abschnitt 2.2.4). Die Wahrscheinlichkeit des Zellüberlebens
nach der Passage eines Alphateilchens durch den Zellkern liegt bei etwa 60 %
(Daten von Edwards et al. 1981, Ritter 2000, Nasonova et al. 2000, Sawant et
al. 2001). Die bevorzugte Art der Zellinaktivierung ist bei Alphateilchen die
Apoptose, bei der die Zelle die erste Mitose nach der Bestrahlung nicht mehr
erreicht (Aoki et al. 2000, Meijer et al. 2001, Holl 2001). Die Apoptose ist
ein natürlicher Weg zur Vermeidung des Überlebens von mutierten Zellen
(Harms-Ringdahl et al. 1996, Pouget et al. 2001). Bei Teilchen mit erhöhtem LET
läuft die Apoptose schneller ab als bei niedrigem LET (Meijer et al. 2001,
Green et al 2001, Goto 2002). Bereits in Minuten nach der Bestrahlung werden
als erstes die Endonukleasen aktiviert (Radford 2002, Hahn et al. 2003). Im
Vergleich zu Gammastrahlung liegt die RBW schwerer Ionen (Stickstoff-Ionen
32-45 MeV/u) für die Apoptose von G0-T-Lymphozyten bei 1.3 bis 3
(Meijer etal. 1998); B-Lymphozyten sind bezüglich der strahleninduzierten Apoptose
empfindlicher als T-Lymphozyten (Schmitz et al. 2003). Bei hohem LET kommt es
auch unabhängig von der Anwesenheit des zellzyklusregulierenden Proteins p53
zur Apoptose (Takahashi et al. 2002, Coelho e al. 2002 a,b, Fischer et al.
2003). Es gibt Hinweise, dass an der Verschiebung zum vorwiegenden apoptotischen
Verlauf bei dicht ionisierenden Teilchen deren unmittelbare Wirkung auf die
Cytochrom-C enthaltenden Mitochondrien beteiligt ist (Mothersill et al. 2000,
Epperly et al 2002, Ogawa et al. 2004).
Eine
zusätzliche Verstärkung der Wirkung einzelner Alphateilchen entsteht durch den
„Bystander-Effekt“. Dieser bei niedrigen Alphateilchen-Dosen entdeckte Effekt
(Nagasawa und Little 1992) bedeutet, dass sich zelluläre Veränderungen wie z.B.
die Apoptose auch an „bystanders“, d.h. nicht von Strahlungsteilchen
getroffenen Zellen der gleichen Zellkultur bzw. den nicht getroffenen
Nachbarzellen im Gewebe, zeigen (Goldberg et al. 2002, Österreicher et al.
2002, Hall 2003, Bonner 2003, Morgan 2003 a,b, Prise et al. 2003, Azzam et al.
2004). Der Bystander-Effekt ist bereits bei vielen Typen der zellulären
Strahlenwirkung, darunter Chromosomenaberrationen und Zellinaktivierung,
beobachtet worden. Die Signalvermittlung erfolgt über gap junctions
(interzelluläre Kanäle) oder durch Diffusion über das Kulturmedium. Als Signalmoleküle
sind bisher Stickoxid und oxydierende Spezies wie Superoxid und Wasserperoxid
identifiziert worden; vermutet wird auch eine Signalübertragung durch Zytokine.
Als Apoptose-vermittelndes Signalmolekül konnte das Stickoxid NO identifiziert
werden (Shao et al. 2004); diese Substanz ruft auch ohne Strahlung Apoptose
hervor (Liversidge 2002). Sie wirkt in hohen Dosen toxisch, in niedrigen
dagegen
anti-inflammatatorisch. Andere Endpunkte wie z.B. die Induktion von Mikrokernen
werden ebenfalls durch das Stickoxid vermittelt (Matsumoto et al. 2001, Guzik
et al. 2003, Shao et al. 2003). In Serien von Publikationen ist über die durch
den Bystander-Effekt vermittelte Apoptose berichtet worden (Mothersill et al.
2001, Lyng et al. 2002, Belyakov et al. 2003).
Die
Vervielfachung der Anzahl der reagierenden Zellen durch den Bystander-Effekt
hängt von den biologischen Bedingungen ab. Bei Untersuchungen, in denen die primär
bestrahlten Zellen in der Regel nur von einem Alphateilchen getroffen wurden,
lagen die Vervielfachungsfaktoren zwischen 4 und 40 (Nagasawa et al. 2000, Zhou
et al. 2001, Nagasawa et al. 2002, Shao et al. 2003).
Der nach Voll et al. (1997) und Albert (2004) aufgrund der
Zellapoptose erwarteten Zytokinproduktion wurde bei den zahlreichen experimentellen
Zellbestrahlungen mit Alphateilchen außer in den schon genannten Experimenten
von Narayanan et al. (1999),
Iyer et al. (2000) und Hubmann (2004) bisher noch
keine Beachtung geschenkt. Dabei ist zu bedenken, dass hierfür geeignete
experimentelle Bedingungen vorliegen müssen. Wie bei der im Abschnitt 2.3.1
beschriebenen Bildung des IL-10 durch Hautbestrahlung mit UV-B handelt es sich
um einen mehrstufigen Prozess, der Kontakte von Abbauproteinen apoptotischer
Zellen mit Oberflächenrezeptoren anderer, noch differenzierungsfähiger Zellen
wie Th-Lyphozyten oder Langerhans-Zellen erfordert. Solche Bedingungen liegen
zum Beispiel bei Experimenten mit niedrigen Röntgenstrahlendosen an
Lymphozyten-Zellkulturen vor, wenn sie vorher hochbestrahlte Zellen, sog. „Inducer-Zellen“,
enthalten. Aus den Inducer-Zellen werden Membranbestandteile rekrutiert, die
über Oberflächenrezeptoren zur Anregung der Zytokinproduktion in den
Lymphozyten dienen. Unter diesen Bedingungen wurde die Bildung von IL-10 und
IL-12 nachgewiesen (Liu 2001). Diese Versuchsanordnung könnte mutatis mutandis
auf Alphateilchen übertragen werden. Insbesondere fehlt aber noch der direkte
experimentelle Nachweis an der Haut, daß es nach Alphateilchen-Exposition durch
Apoptose von Keratinozyten in Gegenwart von Langerhans-zellen zur Bildung
anti-inflammatorischer Zytokine kommt.
2.5 Schlußfolgerungen
Ausgangspunkt molekularer und zellulärer Reaktionswege der
Schmerztherapie chronischer Entzündungen mit Hilfe von Radonbädern ist die
Energiedeposition von Alphateilchen in einer kleinen Zahl von Zellen der Epidermis.
Pathophysiologie und medikamentöse Therapieansätze chronischer Entzündungen
lassen erkennen, daß der weitere Reaktionsweg in der Herunterregelung der
Makrophagenaktivität und der Leukozytenmigration mit Hilfe
anti-inflammatorischer Zytokine bestehen könnte. Tatsächlich zeigt eine Analyse
der Forschungsergebnisse zur Immunmodulation mit
Ultraviolett-B-Strahlung und Röntgenstrahlung in Übereinstimmung mit den Erkenntnissen
von Voll et al. (1997) und Albert (2004), dass molekulare Produkte der strahleninduzierten
Zellapoptose bei den mit geeigneten Rezeptoren ausgestatteten und zur
Differenzierung fähigen Nachbarzellen eine zur Bildung anti-inflammatorischer
Zytokine wie IL-10 und TGF-b führende Reaktionskaskade auslösen. Auch bei den bisher
durchgeführten Experimenten mit Alphateilchen hat man eine Zytokinproduktion beobachtet;
in einer Studie konnte die Produktion von TGF-b bereits mit
der Schmerzlinderung bei Spondilitis ankylosans korreliert werden. Die
Wirksamkeit der bei Radonbädern in erster Linie in der Epidermis auftretenden,
sehr niedrigen Alphateilchendosen von etwa 2 mGy wird durch die hohe Effizienz
von Alphastrahlung für die Bildung apoptotischer Zellen, verstärkt durch den
Bystander-Effekt, erklärt. Die auf wenige Epithelzellen begrenzte Energiedeposition
der Alphateilchen des Radons und seiner Folgeprodukte reicht daher nach dem
bisherigen Kenntnisstand aus, um auf dem Reaktionsweg von der Zellapoptose über
anti-inflammatorische Zytokine schmerzstillende und entzündungshemmende
Wirkungen zu entfalten. Die weitere experimentelle Untermauerung der
hier vorgetragenen Schlussfolgerungen liegt dank der heute vorhandenen
molekularen und zellulären Untersuchungsmethoden im Bereich realisierbarer
Möglichkeiten.
3. Strahlenbedingtes
Risiko
(A. Kaul)
Die therapeutische Wirkung der Radoninhalation, des
Radon-Thermalbades und von Radon-Luftbädern ist auf die mit der Radonexposition
verbundene Strahlenexposition durch 222Rn und insbesondere seine
kurzlebigen Zerfallsprodukte zurückzuführen (siehe Kap. 2). Dies heißt, dass
sowohl für die Bewertung des Wirkungsmechanismus der Radon-Balneotherapie als
auch für die Abschätzung des damit möglicherweise verbundenen strahlenbedingten
Risikos die aus den einzelnen Therapiearten - Inhalationstherapie im Stollen
bzw. Thermalstollen, Badetherapie, Luftbad oder Thermaldunstbad -
resultierenden Strahlendosen zu ermitteln sind. Bezüglich des Strahlenrisikos
gilt dies für Patient und Personal, wobei die aus der Höhe der jeweiligen
Strahlendosis ggf. abzuleitenden Strahlenschutzmaßnahmen sehr unterschiedlich
sind:
·
Hinsichtlich
des Patientenschutzes ist es Aufgabe
des Arztes, die mit der Therapie verbundene Strahlendosis und das daraus
resultierende rechnerisch abzuleitende Strahlenrisiko gegen den Nutzen der
Radon-Balneotherapie abzuwägen. Das Ergebnis der Nutzen-Risiko-Betrachtung des
Arztes für den einzelnen Patienten bestimmt die Rechtfertigung der therapeutischen Anwendung von 222Rn.
·
Der Schutz des Personals obliegt dem für den
Strahlenschutz Verantwortlichen (Strahlenschutzbeauftragte und
-verantwortliche) und wird bestimmt durch die Grundsätze des Strahlenschutzes,
nämlich Rechtfertigung der
Strahlenanwendung, Optimierung der
Strahlenschutzmassnahmen sowie Begrenzung
der Dosis auf einen akzeptierbaren Wert (ICRP, 1991).
3.1
Strahlenexposition von Patient und Personal
Die Berechnung der aus der Inhalationstherapie
im Thermalstollen durch 222Rn und seine kurzlebigen Zerfallsprodukte
resultierenden Dosis ist gleichermaßen relevant für Patient und Personal.
Dagegen ist der Inhalationspfad bei der Badetherapie
in der Best'schen Wanne für den Patienten nur von untergeordneter Bedeutung, da
durch die Abdeckung der Wanne nur etwa 10 bis 20% des im Wasser gelösten Radons
entweichen und inhaliert werden können (Grunewald, 1995). Für das Badepersonal
spielt der Inhalationspfad nur während des kurzzeitigen Aufenthaltes im Wannenraum
während der Einlauf- und Auslaufphase des radonhaltigen Wassers in der Wanne
eine nennenswerte Rolle, zumal die im allgemeinen hohe Luftwechselrate im
Wannenraum von bis zu 10 pro Stunde für eine deutliche Reduzierung der
Radon-Aktivitätskonzentration in der Luft sorgt (von Philipsborn, 2004) und
darüber hinaus der Gleichgewichtsfaktor zwischen 222Rn und seinen
Zerfallsprodukten niedrig ist (von Philipsborn, 1994).
Voraussetzung für relevante und nachvollziehbare
Dosisabschätzungen durch Inhalation von
222Rn und seinen kurzlebigen Zerfallsprodukten bei Patient und Personal ist die Kenntnis
der folgenden radiologischen Größen in der Raumluft:
·
Radon-Aktivitätskonzentration;
·
Gleichgewichtsfaktor
Zerfallsprodukte/Radon;
·
Konzentration
und Größenverteilung des Raumaerosols;
·
Größenverteilung
der an das Raumaerosol angelagerten und nicht-angelagerten Zerfallsprodukte;
·
Prozentsatz
der nicht-angelagerten Zerfallsprodukte.
Voraussetzung für die Dosisabschätzung beim Patienten durch perkutanen Radontransfer beim Radonthermalbad ist die Kenntnis folgender Parameter (siehe auch
Kap. 2):
·
Radontransfer,
d.h. Gesamtmenge des vom Patienten über die Haut aufgenommenen und über die
Lunge wieder ausgeatmeten Radons (Grunewald et al., 1995);
·
Löslichkeit
des Radons in den Körperorganen und Geweben, ausgedrückt durch den
Löslichkeitskoeffizienten.
Der Radontransferfaktor wurde in der vorliegenden Arbeit nach
Grunewald et al. (1995; 2000) zu 0,6 Bq pro Bq/L, nach Hofmann et al. (1999) zu
0,9 Bq pro Bq/L bestimmt.
3.1.1
Strahlenexposition des Patienten
Badekur
Hofmann (1999) hat die Energiedosis des Patienten bei einer
Badekur in Form von 10 radonhaltigen Thermalbädern zu jeweils 20 min in den Gasteiner Kurbetrieben bei einer 222Rn-Aktivitätskonzentration
des Badewassers von durchschnittlich 662 Bq/L
zu 3,0 μGy (tracheobronchialer Bereich der Lunge), 0,3 - 0,5
μGy (Leber, Muskel, Blut, Gonaden, Niere) und 0,1 μGy (Knochen)
abgeschätzt. Die damit verbundene effektive Dosis einschließlich des aus der
Hautexposition resultierenden Anteils (siehe unten) wurde im Rahmen der
vorliegenden Studie mit dem Strahlungswichtungsfaktor für Alphateilchen von 20
und den jeweiligen Organ/Gewebe-Wichtungsfaktoren (ICRP, 1991) zu etwa
175 μSv berechnet.
Die 222Rn-Aktivitätskonzentration des Badewassers in
den Wannen des Schlemaer Kurbetriebes
beträgt z.Zt. im Mittel 1 550 Bq/L (Schwankungsbereich 1 300 - 1 850 Bq/L)
(Matthias, 2004). Die mit 10 Wannenbädern zu jeweils 20 min verbundene effektive
Dosis des Patienten pro Kur einschließlich des aus der Hautexposition resultierenden
Anteils ergibt sich auf der Grundlage der von Hofmann (1999) angegebenen Werte
der Energiedosis der Organe zu etwa 410 μSv (340 bis
490 μSv).
Alpha-spektrometrische Messungen der kurzlebigen
Radonzerfallsprodukte 218Po und 214Po auf der Haut von
Patienten 20 min nach einem Bad in Wasser bei einer 222Rn-Aktivitätskonzentration
von 415 Bq/L (Hofmann, 1999) erlaubten es, die daraus resultierende mittlere
Hautdosis (Epidermis) zu 50 μGy abzuschätzen. Die Aussage von
alpha-spektrometrischen Messungen der Hautdosis über 218Po und 214Po
ist allerdings mit großen Unsicherheiten behaftet, da es für die Ermittlung der
Strahlendosis der risikorelevanten Zellen im Stratum germinativum aus der
gemessenen Impulsrate keine relevante Kalibrierung der Messsonden gibt. Hochgerechnet
auf eine 222Rn-Aktivitätskonzentration des Badewassers von 662 Bq/L
liegt die Hautdosis bei einmaligem Bad bei 80 μSv entsprechend einer
Äquivalentdosis von etwa 1,5 mSv. Im Vergleich hierzu beträgt die Hautdosis
nach einem Luftbad im Gasteiner Thermalstollen bei 2-stündigem Aufenthalt bei
einer mittleren von Hofmann auf der Basis von Messwerten von Pohl (1965) angenommenen
222Rn-Aktivitätskonzentration von 167 kBq/m3 375 μGy
(Hofmann, 1999), d.h. nach jeweils 1 Stunde Aufenthalt (Falkenbach, 2000), etwa
190 μGy. Bezogen auf die derzeitige mittlere 222Rn-Aktivitätskonzentration
im Gasteiner Thermalstollen von 44 kBq/m3 ergibt sich die Hautdosis nach 1 Stunde Aufenthalt im Stollen zu 50 μGy entsprechend
einer Äquivalentdosis von 1 mSv.
Die Hautdosis leistet trotz des vergleichsweise kleinen
Organ/Gewebe-Wichtungsfaktors wegen des Betrages der Äquivalentdosis von bis zu
1,5 mSv pro einmaligem Bad bzw. 1-stündigem Aufenthalt im Thermalstollen einen
relativ großen Beitrag zur effektiven Dosis. Auf die besondere Bedeutung der
Hautdosis wird im Kap. 2 im Hinblick auf die therapeutischen Wirkungen des
Radons hingewiesen.
Inhalationskur
Die Organdosis von Patienten nach kurmedizinischer Radonexposition im Gasteiner Heilstollen
wurde aus Daten von Hofmann (1997) für einen 12-maligen jeweils 1-stündigen
Aufenthalt in dem Thermalstollen (mittlerer, auf Messungen von Pohl (1965)
beruhender Radongehalt: 167 kBq/m3) zu etwa 1865 μGy
(tracheobronchialer Bereich der Lunge), 100 μGy (Nieren), 15-40 μGy
(rotes Knochenmark, Nebenniere, Leber, Blut) und 7,5-10 μGy (Muskel, Gonaden,
Knochen) berechnet. Die daraus resultierende effektive Dosis von 1 825
μGy, berechnet unter Berücksichtigung der gesamten Hautdosis nach 10
einstündigen Stollenaufenthalten, ergibt sich mit den
Strahlungswichtungsfaktoren der ICRP für Alpha-Teilchen und den jeweiligen Organ/Gewebe-Wichtungsfaktoren
der ICRP zu 5,4 mSv (vorliegende Studie); die Äquivalentdosis der Lunge beträgt
37 mSv. Auf die derzeitige, oben
angegebene mittlere Radon-Aktivitätskonzentration im Heilstollen von 44 kBq/m3
bezogen beträgt die effektive Dosis eines Kuraufenthalts 1,4 mSv; die Äquivalentdosis
der Lunge reduziert sich auf 9,7 mSv. Brandmaier (2001) hat auf der Grundlage
einer statistischen Auswertung der Einfahrten von etwa 500 Patienten im Jahr
2000 eine mittlere Patientendosis (effektive Dosis) von 1,8 mSv pro Kur
angegeben.
Jacobi (1979) berechnete die mittlere Inhalationsexposition für
einen Aufenthalt von Patienten im Thermalstollen Bad Gastein-Böckstein von
insgesamt 10 Stunden in einer Radon-Aktivitätskonzentration von 100 kBq/m3
zu 1,2 WLM. Auf die derzeitige niedrigere Radonaktivitätskonzentration im
Stollen von 44 kBq/m3 umgerechnet ergibt sich die
Inhalationsexposition zu etwa 0,5 WLM.
Eine beträchtliche Reduzierung der Strahlenexposition vor allem
der Lunge des Patienten und gleichermaßen des Personals bedeutet die Anwendung
von Radon-Luftbädern und Radon-Thermal-Dunstbädern (Just et al.,
2002). Die Organdosis als Folge einer 15-maligen Exposition des Patienten mit
einer Dauer von jeweils 15 min bei einer Radon-Aktivitätskonzentration von 1480
kBq/m3 liegt nach Hofmann (1992) für den tracheobronchialen Bereich
der Lunge auf Grund der vernachlässigbaren Inhalation von
Radonzerfallsprodukten unter 0,1 μGy und beträgt 0,1 - 0,3 μGy für
die Organe Knochen, rotes Knochenmark, Nebenniere und für Blut, etwa 0,5
μGy für Niere, Gonaden, Muskel, Fettgewebe sowie 1800 μGy für die
Haut. Die daraus resultierende effektive Dosis einer Therapie wurde mit den
entsprechenden Wichtungsfaktoren der ICRP zu 0,37 mSv berechnet; die
Äquivalentdosis der Lunge beträgt nur etwa 1 μSv, die der Haut 36 mSv.
Nach Messungen von Just et al. (2003) beträgt die 222Rn-Aktivitätskonzentration
im Radon-Thermal-Dunstbad Bad Gastein etwa 1/10 des von Hofmann (1992) angenommenen
Wertes, d.h. etwa 140 kBq/m3. Der Wert von 1480 kBq/m3
stammt offensichtlich von Messungen von Bogoljubow et al. (1990). Dies
bedeutet, dass die effektive Dosis von Patienten bei einer Kur von 15
Expositionen mit einer Dauer von jeweils 15 Minuten in der 222Rn-Atmosphäre
des Radon-Thermal-Dunstbades von Bad Gastein von 140kBq/m3 nur etwa
0,05 mSv beträgt, die Lungendosis 0,1μSv; die Äquivalentdosis der Haut
dürfte etwa 4 mSv betragen.
3.1.2
Strahlenexposition des Personals
Belastbare Angaben über die Strahlendosis des Personals haben Haninger
et al. (1998), von Philipsborn (2004), Brandmaier (2002) und Just (2004a) zur
Verfügung gestellt.
Badekur
Auf der Grundlage folgender gemessener Grössen wurde von Haninger
et al. (1998) die aus dem Aufenthalt in den Radon-Wannenräumen des Sibyllenbades resultierende jährliche
effektive Dosis des Personals berechnet:
·
Mittlere 222Rn-Aktivitätskonzentration
der Raumluft: 800 ± 380 Bq/m3;
·
Gleichgewichtsfaktor:
0,05 ± 0,04;
·
unangelagerter
Anteil der Radonzerfallsprodukte in den Wannenräumen: 0,33 ± 0,21;
·
jährliche
Aufenthaltsdauer des Personals in den Wannenräumen: 2000 h.
Für die als maximal angenommene Aufenthaltsdauer des Personals in
den Wannenräumen von 2 000 Stunden pro Jahr ergab sich die jährliche effektive
Dosis zu 2,5 mSv.
In späteren Messungen (Just et al., 2001) konnte - ebenfalls für
den Therapiebereich des Sibyllenbades (Wannenbäder) - gezeigt werden, dass die 222Rn-Aktivitätskonzentration
in der Raumluft im Mittel bei nur etwa 50% des 1998 publizierten Wertes
(Haninger et al., 1998) lagen, und zwar bei 450 Bq/m3. Der Gleichgewichtsfaktor
lag bei den im Therapiebereich üblichen hohen Luftwechselraten bei F=0,1.
Nach kürzlich durchgeführten Erhebungen beträgt die tatsächliche
Aufenthaltsdauer des Personals auch nur etwa 400 Stunden pro Jahr (v.
Philipsborn, 2004), so dass der Wert der effektiven Dosis des Personals durch
Aufenthalt in den Wannenräumen des Sibyllenbades bei 0,25 mSv pro Jahr liegen
dürfte.
In einer neueren Untersuchung betrug die 222Rn-Aktivitätskonzentration
der Raumluft im Sibyllenbad bei den jetzt oft angewandten
Radon-Kohlesäuerling-Mischbädern im Mittel nur 260 Bq/m3, die
gleichgewichtsäquivalente 222Rn-Aktivitätskonzentration nur 12 bis
14 Bq/m3 (von Philipsborn, 2004). Ausserdem findet wegen fehlender
Turbulenz beim Einlaufen des radonhaltigen Wassers eine geringere Radonabgabe
in die Raumluft statt. Dadurch dürfte sich der Wert der effektiven Dosis in den
Wannenräumen des Sibyllenbades auf unter 0,2 mSv pro Jahr reduzieren.
Allerdings kann nicht ausgeschlossen werden, dass in
Wannenabteilungen anderer Radonbäder durch schlechtere Lüftung Radon-Aktivitätskonzentrationen
von bis zu 10 kBq/m3 auftreten (Just, 2004b), so dass ein Wert der
jährlichen effektiven Dosis von 0,5 mSv nicht als typischer Wert für die
Strahlenexposition des Personals in Wannenbädern angenommen werden darf.
Inhalationskur im Radon-Thermalstollen
Brandmaier (2002) hat die für das Personal aus dem Aufenthalt in
dem Radon-Thermalstollen von
Gastein-Böckstein resultierende jährliche effektive Dosis auf der Grundlage
einer mittleren Radon-Aktivitätskonzentration von 44 kBq/m3 für 12
Lokführer zu jeweils 15 mSv (mittlere jährliche Aufenthaltsdauer im Stollen:
100 h) und für das ärztliche Personal (10 Ärzte, mittlere Aufenthaltsdauer im
Stollen: 45 h) zu 8 mSv berechnet.
Bei der Abschätzung der Strahlenexposition des Personals ist
allerdings zu berücksichtigen, dass mikro- und makroklimatisch bedingte
Unterschiede zu deutlichen, kurzfristig auftretenden Schwankungen der Aktivitätskonzentration
von Radon und seinen Zerfallsprodukten in der Stollenluft führen können. Nach
Angaben von Brandmaier und Köstinger (2004) betrug auf Grund von
Einzelmessungen an 252 Betriebstagen im Jahr 1997 die mittlere
Aktivitätskonzentration der Radonzerfallsprodukte im Gasteiner Heilstollen 25 ±
21 kBq/m3, entsprechend einer 222Rn-Aktivitätskonzentration
von 48 ± 40 kBq/m3 bei einem Gleichgewichtsfaktor von 0,53.
Inhalationskur in Radon-Gasbädern des Kurbades Schlema
Die im Kurbad Schlema übliche Anwendung von Radon-führenden
Gasbädern kann durchaus mit den Bedingungen in den bis heute in Bad Gastein
angebotenen Radon-Thermal-Dunstbädern verglichen werden. Der Körper des
Patienten wird dabei kontinuierlich vom Quellgas/Therapiegas umspült. Hierbei
sind 2 im Wechsel tätige Mitarbeiter in der Lage, mit den in einem
abgeschlossenen Raum installierten beiden Therapiewannen täglich insgesamt 20
Anwendungen von jeweils 30-35 Minuten Dauer zu verabreichen. Die effektive
Aufenthaltszeit des Personals im Therapiebereich beträgt bedingt durch
automatisierte Abläufe pro Anwendung lediglich 5 Minuten.
Nach Just (2004a) kann für die Ermittlung der sich für das
Personal ergebenden effektiven Dosis von folgenden Mittelwerten für die
Aufenthaltsdauer im Gas-Therapie-Wannenraum, für die dort vorliegende 222Rn-Aktivitätskonzentration
und für den Gleichgewichtsfaktor zwischen 222Rn und seinen
Zerfallsprodukten ausgegangen werden:
Aufenthaltszeit: 250 Stunden pro Jahr
222Rn-Aktivitätskonzentration:
500 Bq/m3
Gleichgewichtsfaktor: F=0,12 .
Mit dem Dosiskonversionsfaktor der ICRP ("epidemiological
approach", ICRP 1993) ergibt sich die effektive Dosis des Personals pro
Jahr zu etwa 1,5mSv.
3.2 Bewertung der
Strahlenexposition: Strahlendosis und -risiko
3.2.1 Patienten
Vergleich der effektiven Dosis mit der natürlichen
Strahlenexposition
Die effektive Dosis des Patienten
während einer radon-balneotherapeutischen Massnahme hängt wesentlich von der
Applikationsform des 222Rn und seiner Zerfallsprodukte ab. Sie liegt
zwischen 0,2 bzw. 0,5 mSv (Badekur) und etwa 2 mSv (Inhalationskur) (siehe Tab.
3.1). Diese aus der Radontherapie höchstens einmal im Jahr resultierenden
effektiven Dosen von Patienten unterschreiten die mittlere jährliche effektive
Dosis aus natürlichen Quellen von etwa 2,4 mSv (UNSCEAR, 2000; Kaul, 2003)
deutlich bzw. sie liegen im Bereich der Variationsbreite der jährlichen
natürlichen Strahlendosis. Diese umfasst einen Bereich von etwa 1 bis 10 mSv
pro Jahr (UNSCEAR, 2000) und kann vereinzelt, regional geologisch bedingt,
diesen auch weit überschreiten.
Die Summe aus der natürlichen und der durch die Radonbehandlung
bedingten Strahlenexposition liegt demnach bei therapeutischen Radonanwendungen
im Schwankungsbereich der natürlichen Strahlenexposition. Aus evolutionsbiologischer
Sicht ist zu erwarten, dass in diesem für die natürlichen Lebensbedingungen typischen
Bereich äußerst kleiner Strahlendosen Anpassungsmechanismen wirksam sind, die
zu einem biologischen Gleichgewicht geführt haben (Feinendegen 1999). Die
Ergebnisse der bisher durchgeführten epidemiologischen Untersuchungen vertragen
sich im Schwankungsbereich der natürlichen Strahlenexposition sowohl mit der
biologisch begründeten Annahme, dass in diesem Bereich keine strahlenbedingte
Erhöhung des Lungenkrebsrisikos besteht, als auch mit der aus den Erfahrungen
bei höheren Dosen abgeleiteten Annahme, dass ein sehr kleines, der geringen
Dosis entsprechendes Risiko vorhanden ist (Lubin 1997). Die methodischen
Anforderungen an noch genauere epidemiologische Studien, insbesondere an die
Größe der zu untersuchenden Kollektive und die Berücksichtigung der
biologischen Variabilität, liegen grundsätzlich außerhalb der bestehenden
Möglichkeiten. Entscheidend für die Bewertung bleibt daher die Feststellung,
dass auch bei Mitberücksichtigung der therapeutisch bedingten, sehr geringen
Radonexposition der Schwankungsbereich der natürlichen Strahlenexposition nicht
überschritten wird.
Berechnung des hypothetischen strahlenbedingten Risikos der Lunge
Die Äquivalentdosis der Lunge errechnet sich - ebenfalls abhängig
von der Applikationsform des Radons - zu 1 μSv (Inhalationskur in
Radonluftbädern) bzw. zu etwa 10 mSv (Inhalationskur im Bad Gasteiner
Thermalstollen). Unter Vorsorgegesichtspunkten, d.h. ohne Berücksichtigung
möglicher Anpassungsmechanismen, kann man nach dem theoretischen Modell einer
linearen Dosis-Wirkungs-Beziehung ohne Schwelle, dem „linear no-threshold model“
oder kurz „LNT-Modell“ (NCRP 2001), eine rechnerische Extrapolation der bei
höheren Dosen aus epidemiologischen Untersuchungen bekannten Risikowerte in den
hier vorliegenden Bereich sehr niedriger Dosen und Dosisleistungen vornehmen.
Das Ergebnis solcher rechnerischer Extrapolationen wird als „hypothetisches
strahlenbedingtes Risiko“ bezeichnet.
Mit dem Risikokoeffizienten der ICRP (1991) für
Lungenkrebsmortalität von 85 x 10-4 Sv-1 aus den
Ergebnissen der Life Span Study an der durch Atombomben-explosionen exponierten
Bevölkerung von Hiroshima und Nagasaki ergibt sich das maximal (Inhalationskur
im Bad Gasteiner Thermalsstollen) errechenbare Lungenkrebsmortalitätsrisiko zu
10 x 10-3 Sv x 85 x 10-4 Sv-1, d.h. zu 0,00009
oder etwa 0,01%. Dieses Risiko ist vernachlässigbar klein im Vergleich zu dem
im Jahr 1995 erhobenen spontanen Risiko von 1,6 % (Frauen) und 6,8 % (Männer)
für Lungenkrebssterblichkeit in Deutschland (Statistisches Bundesamt, 1995).
Bezogen auf die über beide Geschlechter gemittelte Lungenkrebshäufigkeit in
unserer Bevölkerung von wenigstens 4 %, die den Anteil durch das Rauchen einschließt,
beträgt das rechnerisch ermittelte Lungenkrebsmortalitätsrisiko einer
Radon-Balneotherapie durch Inhalation von radonhaltiger Luft in einem
Thermalstollen am Beispiel des Gastein-Böcksteiner Thermalstollens unter den
dortigen Expositionsbedingungen also maximal ein Vierhundertstel dieses Wertes.
Jacobi (1979) kommt zu ähnlichen Ergebnissen, wenn man die von ihm angenommenen
Expositionsbedingungen auf die heutigen Verhältnisse im Gasteiner
Thermalstollen und auf die entsprechenden Expositionszeiten bei der
Inhalationstherapie überträgt (zusätzliches Lungenkrebsrisiko einer Kur
≤0,01 %).
Schlussfolgerung
Nach den beiden hier angewandten Bewertungskriterien - Vergleich
der Strahlenexposition bei der Radonanwendung mit dem Schwankungsbereich der
natürlichen Strahlenexposition und Vergleich des hypothetischen, nach dem
LNT-Modell berechneten, sehr niedrigen strahlenbedingten Krebsrisikos mit dem
spontanen Krebsrisiko - kann die Strahlenexposition bei der Radonbehandlung als
nicht gesundheitsgefährdend eingestuft werden. Ihrem Nutzen für den Patienten
steht kein nennenswertes Strahlenrisiko gegenüber.
3.2.2 Personal
Die jährliche effektive Dosis des Personals liegt, abhängig von dem Therapieverfahren - Badekur,
Inhalationskur im Thermalstollen -, zwischen 0,5 und maximal 15 mSv (siehe Tab.
3.2). Dies bedeutet, dass die Grenzwerte für beruflich Strahlenexponierte mit
20 mSv pro Jahr gemäss Strahlenschutzverordnung und/oder 100 mSv in 5 Jahren
(ICRP, 1991) zum Teil deutlich unterschritten werden.
Bei der Berechnung der effektiven Dosis des Badepersonals wurde
eine Aufenthaltsdauer in den Wannenräumen
von 2000 Stunden pro Jahr angesetzt (Haninger et al., 1998), die tatsächliche
Aufenthaltsdauer liegt in der Grössenordnung von höchstens einigen 100 Stunden
jährlich (von Philipsborn, 2004). D.h., die realistische jährliche Exposition
des Personals dürfte in der Grössenordnung von 0,5 mSv effektive Dosis liegen.
Dennoch ist bei schlecht belüfteten Wannenabteilungen nicht auszuschließen,
dass der Wert von 2,5 mSv effektive Dosis des Personals erreicht wird.
Auch die jährlichen effektiven Dosen des Personals bei Inhalationskuren im Thermalstollen von Bad
Gastein-Böckstein liegen mit 8 bis 15 mSv zwar unter den Grenzwerten für
beruflich Exponierte, sie könnten jedoch im Sinne des Prinzips der Optimierung des Strahlenschutzes durch
organisatorische Maßnahmen durchaus reduziert werden.
Deutlich niedriger, vor allem hinsichtlich der Lungenbelastung,
dürfte die Strahlenexposition des Personals bei Radon-Luftbädern sein, wenn der Expositionspfad Inhalation durch
hinreichenden Luftwechsel in den Therapieräumen auch für das Personal praktisch
nicht zum Tragen kommt. Darauf deutet schon der niedrige Wert der Äquivalentdosis
der Lunge des Patienten von 1 μSv bei fast 4-stündiger Exposition in einer
222Rn-Atmosphäre von etwa 1 500 kBq/m3 während der gesamten
Kur hin.
3.3 Zusammenfassung
Die effektive Dosis des Patienten
während einer radon-balneotherapeutsichen Massnahme hängt wesentlich von der
Applikationsform des 222Rn und seinen Zerfallsprodukten ab. Sie
liegt zwischen 0,2 bzw. 0,5 (Badekur) und etwa 1,5 mSv (Inhalationskur).
Vergleicht man diese aus der Radontherapie höchstens einmal im Jahr resultierenden
effektiven Dosen von Patienten mit der mittleren jährlichen effektiven Dosis
aus natürlichen Quellen von etwa 2,4 mSv (UNSCEAR, 2000; Kaul, 2003), dann
unterschreiten die berechneten Werte diesen Referenzwert deutlich, bzw. sie
liegen im Bereich der Variationsbreite der jährlichen natürlichen
Strahlendosis, die bis zu einem Wert von etwa 1 bis 10 mSv reicht und
vereinzelt, regional geologisch bedingt, deutlich darüber liegen kann.
Die Äqivalentdosis der Lunge errechnet sich - ebenfalls abhängig
von der Applikationsform des Radons - zu 0,1 μSv (Inhalationskur in
Radon-Gasbädern) bis zu etwa 10 mSv (Inhalationskur im Bad Gasteiner Thermalstollen).
Mit dem Risikokoeffizienten der ICRP (1991) für Lungenkrebsmortalität ergibt
sich das hypothetische, rechnerisch ermittelte Lungenkrebsmortalitätsrisiko zu
maximal 0,01%. Es ist damit deutlich (Faktor 400) kleiner als das mittlere
spontane Lungenkrebsrisiko in unserer Bevölkerung von derzeit 4%.
Die jährliche effektive Dosis des Personals liegt - ebenfalls abhängig vom Therapieverfahren -
zwischen 0,5 und maximal 15 mSv. Dies bedeutet, dass die Grenzwerte für
beruflich Strahlenexponierte mit 20 mSv pro Jahr gemäss Strahlenschutzverordnung
und/oder 100 mSv in 5 Jahren (ICRP, 1991) zum Teil deutlich unterschritten werden.
Wesentlich niedriger, vor allem bedingt durch die geringere Lungendosis, ist
die Exposition des Personals von Radon-Gasbädern entsprechend einer effektiven
Dosis von etwa 1,5 mSv im Vergleich zu maximal 15 mSv beim Personal des Bad
Gasteiner Thermalstollens (Lokführer): Hier beträgt die 222Rn-Aktivitätskonzentration
der Raumluft im Mittel 500 Bq/m3, verglichen mit 44 kBq/m3
im Radon-Thermalstollen.
|
Applikationsform |
Äquivalentdosis (mSv) |
Effektive
Dosis (mSv) |
Autor
der Originaldaten |
|
|
Lunge |
Haut |
|
|
|
|
Badekur 10 x 20
min im Gasteiner Thermalbad (662
Bq/L 222Rn im Wasser) 10 x 20
min im Schlemaer Thermal- bad (1550 (1300-1850) Bq/L 222Rn
im Wasser) |
0,05 0,10 |
20 50 |
0,2 0,5 |
Hofmann, 1999 Matthias, 2004; Hofmann, 1999; vorl. Studie |
|
Inhalationskur 12 x 1
h im Gasteiner Thermalstollen (44
kBq/m3 222Rn in der Stollenluft) |
10 - |
10 - |
1,5 1,8 |
Hofmann, 1997; vorliegende Studie Brandmaier, 2001 |
|
Luftbadekur 15 x 15
min Gastein (140
kBq/m3 222Rn in Luft) |
0,0001 |
4 |
0,05 |
Hofmann, 1992; Just, 2004; vorliegende Studie |
Tab. 3.1 Werte
der Äquivalentdosis von Lunge und Haut sowie der effektiven Dosis von Patienten bei unterschiedlichen
Arten der Radon-Balneotherapie, berechnet auf der Grundlage publizierter
Organdosiswerte
|
Applikationsform |
Effektive
Dosis (mSv) |
Autor |
|
Badekur Sibyllenbad (800 ± 380 Bq/m3 222Rn in der Raumluft; Annahme: jährliche Aufenthaltsdauer im Wannenraum 2000 h) (Annahme: jährl. Aufentaltsdauer: 400 h bei 450 Bq/m3) (in Kohlesäuerling-Mischbädern: 260 Bq pro m3 in der
Raumluft) |
max. 2,5 0,25 etwa 0,2 |
Haninger et al., 1998 Just
et al., 2001; von Philipsborn, 2004 von Philipsborn, 2004 |
|
Inhalationskur im Gasteiner
Thermalstollen (44 kBq/m3 222Rn in der Stollenluft) Radon-Gas-Therapie im Kurbad
Schlema (500 Bq/m3 222Rn
in der Raumluft) |
15 (Lokführer) 8 (Ärzte) 1,5 |
Brandmaier, 2002 vorliegende Studie, nach
Daten von Just, 2004a |
Tab. 3.2 Jährliche
effektive Dosis des Personals bei
verschiedenen Applikationsformen 222Rn in der Radon-Balneotherapie
4. Das
Risiko der medikamentösen Therapie
(H. Jöckel)
Das Risiko der antirheumatischen
Behandlung mit Medikamenten ist größer als gemeinhin bekannt. Die unerwünschten
Arzneimittelwirkungen (UAW) reichen von nicht schwerwiegend über schwerwiegend
bis hin zu lebensbedrohlich und tödlich (Critical terms der WHO). Das gilt
nicht nur für die klassischen Basistherapeutika (Goldpräparate,
Antimalariamittel, Penicillamin und Sulfasalazin), die Cortisonpräparate (Steroide),
die Immunsuppressiva/Zytostatika (Azathioprin, Ciclosporin, Cyclophosphamid,
Leflunomid, Methotrexat) und neuerdings die „Biologics“ (sehr teure,
gentechnisch gewonnene Eiweißsubstanzen, die zum Beispiel gezielt hemmend auf
die entzündungsfördernde Wirkung von Tumornekrose-Faktor-Alpha oder
Interleukin-I wirken), sondern trifft in erster Linie auf die nicht-steroidalen
Antirheumatika (NSAR) zu wegen der Häufigkeit der Verordnung dieser Medikamente
und der Langzeiteinnahme, die in der Regel mehrere Monate, oft auch Jahre beträgt.
Im Jahr 1998 wurden in Deutschland über 800 Millionen Tagesdosen dieser
nicht-steroidalen Antirheumatika vom pharmazeutischen Groß- und Einzelhandel
(Apotheken) abgegeben (Bolten et al.
1999). Im Schnitt wird bei etwa jedem vierten Hausarztkontakt ein solches
Medikament verordnet. Damit sind die NSAR die meistverordnete Substanzgruppe,
und etwa 5% der Gesamtbevölkerung nehmen regelmäßig ein nicht-steroidales Antirheumatikum
ein. Das Folgende bezieht sich daher auf das Risiko der Behandlung mit NSAR und
klammert die unerwünschten Arzneimittelwirkungen bei den übrigen Antirheumatika
aus.
4. 1 Die Hemmung der Cyclooxygenase
(COX) durch NSAR
Die
Prostaglandine (PG), aus der Arachidonsäure gebildete Gewebshormone, spielen
als Mediatoren der Entzündungsreaktion und der Schmerzempfindung eine wesentliche
Rolle. Die Hemmung ihrer Biosynthese wirkt daher antiinflammatorisch und
analgetisch. Das Schlüsselenzym der Biosynthese der PG ist die Cyclooxygenase
(COX). Man kennt bislang zwei Isoenzyme: die konstitutive COX-1 und die induzierbare
COX-2 (Stichtenoth 2004).
Die
Bedeutung der Prostaglandine beschränkt sich aber nicht auf das Entzündungsgeschehen.
Neben zahlreichen anderen Wirkungen üben die PG eine Schutzfunktion für die
Magenschleimhaut aus, unter anderem über eine Drosselung der Magensäuresekretion.
Eine Hemmung der Biosynthese der PG, zum Beispiel durch ein Medikament, stellt
eine unmittelbare Gefahr für die Integrität der Magenschleimhaut dar. Nun
gehören die nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR) zu den Medikamenten, die
über eine Hemmung der Cyclooxygenase die Prostaglandinsynthese negativ beeinflussen,
und zwar hemmen die meisten im Handel befindlichen „klassischen“ NSAR die für
die Magenschutzfunktion besonders wichtige COX-1. Die neuerdings durch „modernes“
NSAR mögliche selektive Hemmung von COX-2 birgt deutlich geringere Gefahren für
die Magenschleimhaut, verteuert die antirheumatische Therapie aber ganz
erheblich. Nicht unerwähnt bleiben darf auch, dass die „klassischen“ NSAR zusätzlich
die Thrombozytenfunktion hemmen und damit das Blutungsrisiko unter der Therapie
vergrößern (Wigand 2004).
4. 2 Die unerwünschten
Arzneimittelwirkungen (UAW) der NSAR
Der
erwünschten schmerzstillenden und entzündungshemmenden Wirkung der
nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR) steht die relativ große Gefahr von
unerwünschten Wirkungen gegenüber. Ganz überwiegend spielen sich diese
unerwünschten Wirkungen am Magen und Darm ab. Wie oben dargelegt, muss die
hemmende Wirkung der NSAR auf die Cyclooxygenase und damit auf die
Prostaglandinsynthese dafür verantwortlich gemacht werden. Die unerwünschten
Wirkungen reichen von oberflächlichen Schleimhautläsionen über blutende Ulcera
(Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwüre) bis hin zur Perforation
(Magendurchbruch). Gastroskopische Untersuchungen haben gezeigt, dass über 70%
der mit NSAR behandelten Patienten Magenschleimhautveränderungen aufwiesen. Bei
etwa 20% der Patienten kommt es zur Bildung eines Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwürs,
bei 2% zu einer Blutung oder Perforation, und jeder Zehnte mit einer solchen
Komplikation stirbt daran. Für Deutschland wurde die Zahl der zu erwartenden
Todesfälle durch NSAR mit 1.100 bis 2.200 pro Jahr hochgerechnet (Bolten et al. 1999). Für Diagnostik
und Vorsorge kommt erschwerend hinzu, dass über 80% der Patienten, die unter
einer Therapie mit NSAR eine schwerwiegende Komplikation entwickeln, zuvor
keinerlei Warnsymptome hatten. Die Gefahr einer tödlichen Komplikation wächst
mit zunehmendem Alter. Risikofaktoren für die Ulcera-Bildung durch NSAR sind
neben dem höheren Lebensalter Vorerkrankungen des Magens, Höhe der NSAR-Dosis,
Kombination mehrerer NSAR, Comedikation mit Cortisonpräparaten und Antikoagulantien.
Als potentielle Risikofaktoren sind Rauchen, Alkoholkonsum und Besiedelung mit
Helicobacter pylori anzusehen.
5. Kosten der Behandlung unerwünschter Nebenwirkungen
der medikamentösen Therapie
(H.
Jöckel)
Mit
Blick auf die Gefahren der medikamentösen Behandlung mit NSAR für den Patienten
und mit Blick auf die Kosten, die den Krankenkassen durch die Behandlung der
unerwünschten Arzneimittelwirkungen der NSAR entstehen, ist es dringend geboten,
nach Wegen zu suchen, die den Verbrauch von NSAR einzuschränken vermögen, wenn
nicht sogar zumindest zeitweise unnötig machen.
Die Einschränkung des Verbrauchs von
NSAR müsste letztlich auch zu einer Reduzierung der stationären Einweisungen
wegen bedrohlicher Komplikationen an Magen und Darm führen. Im Jahr 1998 gab es
immerhin 10.700 solcher Einweisungen mit 157.000 Krankenhaustagen und Kosten von DM 125 Millionen. Die Gesamtkosten für die
stationäre und ambulante Behandlung von NSAR-Komplikationen belief sich auf
rund eine Viertelmilliarde DM (Bolten
et al. 1999).
Darüber
hinaus haben verschiedene Studien in den vergangenen Jahren die badeärztliche
Erfahrung bestätigt, dass die Anwendung von Radon ein Weg ist, bei der
Behandlung der Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises NSAR einzusparen.
Dabei ist bemerkenswert, dass nicht nur unter der unmittelbaren Wirkung des
Radons eine Reduktion des Verbrauchs von NSAR erreicht werden kann, sondern
dass auch nach Ende der Radonkur eine monatelange Einsparung von NSAR möglich
ist. So konnte in einer Follow-up-Studie der Bad Kreuznacher Aschoff-Klinik bei
Bechterew-Patienten über einen Zeitraum von 12 Monaten eine Einsparung des NSAR
Diclofenac um ein Drittel beschrieben werden (Bolten et al. 1999) . Das Studienergebnis deckt sich mit den
Erfahrungen der Ärzte in den anderen deutschen, österreichischen und
tschechischen Radonbädern.
6. Vergleichende Risikobewertung
(A. Kaul,
H. Jöckel)
Die Radon-Balneotherapie als Badekur bzw. durch Inhalation in
einem Thermalstollen ist unter dem Gesichtspunkt des Strahlenrisikos wie folgt
zu bewerten:
·
Die
effektive Dosis jeder Kur - der Badekur und der Inhalationstherapie im Thermalstollen
- liegt deutlich unter dem Wert der mittleren jährlichen natürlichen
Strahlenexposition von 2,4 mSv (Variationsbereich 1-10 mSv), und zwar bei weniger
als 10 % (Radon-Badekur) und höchstens 50 % (Radon-Thermalstollentherapie).
·
Das
hypothetische, d.h. konservativ rechnerisch abgeschätzte Lungenkrebsmortalitätsrisiko
der Radon-Thermalstollentherapie in Bad Gastein-Böckstein liegt rund 2
Grössenordnungen unter dem spontanen Lungenkrebsrisiko, wenn man - wie im
Strahlenschutz üblich - von der Annahme der Gültigkeit einer linearen Dosis-Wirkungsbeziehung ohne
Schwellenwert der Dosis auch im Bereich niedriger Dosen und kleiner
Dosisleistungen ausgeht und damit Anpassungsmechanismen außer Acht lässt.
·
Dennoch
ist unter dem Postulat des Strahlenschutzes, nämlich der Rechtfertigung einer Strahlenanwendung, das - wenngleich
hypothetische - Risiko der Strahlenexposition immer im Vergleich zum therapeutischen
Nutzen einer Radon-Balneotherapie individuell
zu betrachten (siehe auch Schwarz et al., 1995).
·
Obwohl
bei allen radon-balneotherapeutischen Kuren die Strahlenexposition deutlich
unter dem Wert der mittleren jährlichen natürlichen Strahlendosis von 2,4 mSv
liegt, sollte wegen der höheren Strahlenempfindlichkeit von Kindern und
Jugendlichen bei diesen Patienten die Radon-Therapie nur dann angewendet
werden, wenn das mögliche gesundheitliche Risiko einer medikamentösen Therapie
größer ist als das hypothetische, rechnerisch ermittelte strahlenbedingte
Risiko.
Die Nutzen-Risiko-Abwägung darf sich jedoch nicht isoliert auf das
strahlenbedingte Risiko der Radon-Balneotherapie beschränken, sondern sie muss
auch immer die Risiken anderer Therapieverfahren - wie der medikamentösen - in
den Entscheidungsprozess einbeziehen (siehe auch Stellungnahme des Bundesamtes
für Strahlenschutz BfS zur Radon-Balneotherapie, 2000). Das medikamentöse
Risiko, vor allem durch Gebrauch von nichtsteroidalen Antirheumatika
(NSAR) bei der Therapie von Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises, ist
wie folgt zu bewerten:
·
Ganz überwiegend spielen sich die unerwünschten Wirkungen dieser
NSAR an Magen und Darm ab. Sie reichen von von oberflächlichen
Schleimhautläsionen über blutende
Ulcera (Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwüre) bis hin zur Perforation
(Magendurchbruch). Gastroskopische Untersuchungen haben gezeigt, dass über 70%
der mit NSAR behandelten Patienten Magenschleimhautveränderungen aufwiesen. Bei
etwa 20% der Patienten kommt es zur Bildung eines Magen- oder
Zwölffingerdarmgeschwürs, bei 2% zu einer Blutung oder Perforation, und jeder
Zehnte mit einer solchen Komplikation stirbt daran. Für Deutschland wurde die
Zahl der zu erwartenden Todesfälle durch NSAR mit 1.100 bis 2.200 pro Jahr
hochgerechnet.
·
Für Diagnostik und Vorsorge kommt erschwerend hinzu, dass über 80%
der Patienten, die unter einer Therapie mit NSAR eine schwerwiegende
Komplikation entwickeln, zuvor keinerlei Warnsymptome hatten. Die Gefahr einer
tödlichen Komplikation wächst mit zunehmendem Alter. Risikofaktoren für die
Ulcera-Bildung durch NSAR sind neben dem höheren Lebensalter Vorerkrankungen
des Magens, Höhe der NSAR-Dosis, Kombination mehrerer NSAR, Comedikation mit
Cortisonpräparaten und Antikoagulantien. Als potentielle Risikofaktoren sind
Rauchen, Alkoholkonsum und Besiedelung mit Helicobacter pylori anzusehen.
·
Im
Vergleich zu den unerwünschten Wirkungen der NSAR sind die theoretisch
möglichen Nebenwirkungen des Radons als sehr gering anzusehen. Es ist in der
wissenschaftlichen Literatur kein Fall bekannt, bei dem es durch eine balneologische
Radonanwendung zu einer fassbaren Schädigung der Patienten gekommen wäre.
7. Anhänge
Anhang A:
Radiologische Größen und Einheiten
(H. von Philipsborn, A. Kaul)
Radiometrische Größen und Einheiten
(siehe auch: von Philipsborn et al. 2003, und Rühle 2004)
Becquerel, Bq, ist die gesetzliche Einheit der physikalischen
Größe "Aktivität". Diese ist ein Maß für die Stärke einer
radioaktiven Quelle. 1 Bq ist eine sehr kleine Einheit, nämlich 1 Zerfall
(eines instabilen Atomkerns) pro Sekunde im zeitlichen Mittel, im Système
International (SI) mit der Einheit [s-1]. Curie ist die alte Einheit
der Aktivität, mit 1 Ci = 37 109 Bq. Die Angabe der Aktivität einer
radioaktiven Substanz muss durch Angabe des betreffenden Radionuklids
präzisiert werden.
Biologische Wirkungen von Radon in der Lunge werden weniger vom
Edelgas 222Rn (Halbwertszeit HWZ = 92 h) verursacht als von den
kurzlebigen, radioaktiven Zerfallsprodukten. Es sind dies 218Po (HWZ
= 3 min), 214Pb (HWZ = 27 min), 214Bi (HWZ = 20 min) und 214Po
(HWZ << 1 s). Diese Schwermetalle sind in der Luft mit Radon immer
mitpräsent und teils frei, teils an Aerosolpartikel angelagert. Im radioaktiven
Gleichgewicht haben 222Rn und die kurzlebigen Zerfallsprodukte
gleiche Aktivitätskonzentrationen. Wegen der Abscheidung der Zerfallsprodukte
an Oberflächen im Raum und der Zufuhr und Abfuhr von Luft sind die
Aktivitätskonzentrationen allerdings kleiner als sie im radioaktiven
Gleichgewicht wären. In diesem Fall verwendet man den Begriff der
"gleichgewichtsäquivalenten Radonkonzentration". Sie ist definiert
als diejenige Radonkonzentration, die im radioaktiven Gleichgewicht mit ihren
kurzlebigen Zerfallsprodukten die gleiche Konzentration der potentiellen
Alpha-Zerfallsenergie besitzt wie die tatsächlich vorhandene Mischung aus
Zerfallsprodukten. Der "Gleichgewichtsfaktor" F ist der Quotient aus
der gleichgewichtsäquivalenten und der tatsächlich vorhandenen Radonkonzentration.
Abhängig von der Luftwechselrate variiert der Gleichgewichtsfaktor zwischen 0,1
und 0,9; im Mittel beträgt er 0,4.
Das Wort "Exposition" hat im Strahlenschutz je nach dem
Zusammenhang eine unterschiedliche Bedeutung. Im allgemeinen bezeichnet es den
Vorgang der Strahleneinwirkung (exponiert = der Strahlung ausgesetzt), es wird
aber auch als physikalische Größe in der Bedeutung
"Aktivitätskonzentration mal Expositionsdauer" verwendet, gemessen in
Bq h/m3.
Eine alte Einheit für die Exposition, die in älteren, noch
relevanten Publikationen verwendet wird, ist das Working Level Month = WLM. 1
WLM entspricht einer gleichgewichtsäquivalenten Aktivitätskonzentration von 3
700 Bq/m3 von 222Rn, multipliziert mit 170 h (der
Arbeitszeit in 1 Monat). 1 WLM entspricht 4,7 mSv (4 mSv für die Bevölkerung, 5
mSv für Beschäftigte).
Dosimetrische Grössen und Einheiten
(siehe auch: von Philipsborn et al. 2003, und Rühle 2004)
Die rechnerische Ermittlung des strahlenbedingten Risikos basiert
auf drei Dosisgrößen: Energiedosis, Äquivalentdosis, effektive Dosis. Aus der
beim Zerfall von 222Rn und seinen Zerfallsprodukten an Organe und Gewebe
abgegebenen Energiedosis wird unter
Berücksichtigung der unterschiedlichen - und zwar deutlich höheren - biologischen
Wirksamkeit der Alphastrahlung gegenüber Elektronen (Betastrahlung) bzw.
Photonen (Gammastrahlung) die sogenannte Äquivalentdosis
berechnet. Aus dieser Größe wird die sogenannte effektive Dosis als risikorelevante Größe abgeleitet.
Energiedosis
Maß für physikalische Wirkungen ionisierender Strahlung in einem
Medium, damit auch in Organen und Geweben, ist die im Medium absorbierte
Energie. Der Quotient aus der Strahlungsenergie, die in einem Volumenelement
eines beliebigen Mediums absorbiert wird, und der Masse dieses Volumenelements
ist die Energiedosis. Die SI-Einheit der Energiedosis ist das Gray (Gy).
Äquivalentdosis
Die Äquivalentdosis in einem Gewebe oder Organ (gemäss
Strahlenschutzverordnung: „Organdosis“) ist keine direkt messbare Größe, sie
wird aber aus der messbaren Größe Energiedosis durch Multiplikation mit dem
Strahlungswichtungsfaktor berechnet. Dieser dient der Berücksichtigung von
biologischen Wirksamkeitsunterschieden zwischen den einzelnen Strahlenarten.
Damit können Expositionen durch unterschiedliche Arten ionisierender Strahlung
im Hinblick auf den Strahlenschutz miteinander vergleichbar gemacht werden. Der
Strahlungswichtungsfaktor für Elektronen und Photonen ist 1, für Alphateilchen
20. Die Einheit der Äquivalentdosis ist das Sievert (Sv).
Effektive Dosis
Zur Ermittlung des mit einer Strahlenexposition verbundenen
strahlenbedingten Risikos verwendet man im Strahlenschutz eine gewichtete
Äquivalentdosis, die sog. effektive Dosis. Sie resultiert aus der Summe der mit
einzelnen Wichtungsfaktoren, sog. Organ-
oder Gewebewichtungsfaktoren,
multiplizierten Äquivalentdosen einzelner Körperorgane oder -gewebe, wie
Keimdrüsen, rotes Knochenmark, Lunge u.a., und berücksichtigt damit die
unterschiedliche Strahlungsempfindlichkeit der einzelnen Organe und Gewebe. Die
Größe effektive Dosis als gewichtete Summe der stochastischen Strahlenrisiken
einzelner Organe und Gewebe ermöglicht damit eine einheitliche Bewertung des
strahlenbedingten Risikos bei gleichförmiger und ungleichförmiger äusserer und
innerer Strahlenexposition des Gesamtkörpers. Die Einheit der effektiven Dosis
ist wie die der Äquivalentdosis das Sievert.
Anhang B: Begriffe
der Immunologie und der Strahlenbiologie
(D. Harder)
(wird nachgereicht)
8. Literaturverzeichnis
(alle Autoren)
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Jöckel)
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Literatur zum Kapitel
2 (D.
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(wird nachgereicht)
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RADIZ-Information 23/04
Angaben zu den
Autoren
Prof. Dr. med. Peter
Deetjen, Innsbruck:
Emeritierter Vorstand des Institutes für Physiologie
und Balneologie der Universität
Innsbruck, langjähriges Mitglied des Obersten Sanitätsrates der
Republik Österreich,
langjähriger Vorsitzender der Balneologischen
Kommission im Gesundheits-
ministerium, Leiter des Forschungsinstitutes Gastein
Prof. Dr. med. Albrecht Falkenbach, Bad Ischl:
Ärztlicher
Leiter der Sonderkrankenanstalt Rehabilitationszentrum Bad Ischl der
Pensionsversicherung, Internist, Rheumatologe und Facharzt für Physikalische Medizin
und Rehabilitation, langjähriger ärztlicher Leiter der Krankenanstalt Gasteiner
Heilstollen in Bad Gastein-Böckstein.
Prof. Dr. phil. nat.
Dietrich Harder, Göttingen:
Emeritierter Direktor
des Instituts für Medizinische Physik und Biophysik der Universität Göttingen,
langjähriges Mitglied und früherer Vorsitzender der deutschen Strahlenschutzkommission,
langjähriges Mitglied der International Commission on Radiation Units and
Measurements und der Gesellschaft für Biologische Strahlenforschung.
Sanitätsrat
Dr. med. Hans Jöckel, Bad Kreuznach:
Niedergelassener
Facharzt für Innere Medizin, Schwerpunkt Rheumatologie, Zusatzbezeichnung
Balneologie und Medizinische Klimatologie; leitender Arzt des Radonstollens Bad
Kreuznach.
Prof. Dr. phil. nat.
Alexander Kaul, Braunschweig:
Präsident i. R. des Bundesamtes für
Strahlenschutz, langjähriges Mitglied und früherer Vorsitzender
der deutschen Strahlenschutzkommission, langjähriges Mitglied der International
Commission on Radiological Protection und des Fachverbandes für Strahlenschutz.
Prof. Dr. rer. nat.
Henning von Philipsborn, Regensburg
Seit 1971 Professor für Physik und
Kristallographie an der Universität Regensburg. Seit 1981 Forschung und Lehre
zur natürlichen Radioaktivität, seit 1986 Radiometrische Seminare Theuern (bis
39), seit 1990 Messungen von Radon in Sibyllenbad und anderen Orten,
Entwicklung neuer Messmethoden für Radon in Luft, Wasser und aus Feststoffen.